Warum dieses Buch über Afrikaner?

Dieses Buch soll in die Situation von in Wien lebenden Afrikanern einführen. Es beschreibt Herkunft und Migrationsmotive der afrikanischen Zuwanderer. Es behandelt ihre Einstellungen und Erfahrungen in wichtigen Lebensbereichen sowie ihre Akzeptanz seitens der lokalen Bevölkerung. Es soll nicht nur eine wissenschaftlich-analytische Einführung sein, sondern auch eine teilweise sehr persönliche. Ich arbeite schon lange im emotionsgeladenen Spannungsfeld Afrikaner in Wien und vieles ist für mich daher nicht bloßes Datenmaterial, sondern mit menschlichen Schicksalen, Gefühlen und Erfahrungen verbunden. Ich möchte aus diesem Grund einfließen lassen, aufgrund welcher Erfahrungen in verschiedenen Kulturen ich heute manche Aspekte dieses Spannungsfeldes anders betrachte als viele andere Menschen, auch als viele andere Kollegen des Bereichs der Integration von Menschen aus anderen Kulturen.

Im Großen und Ganzen geht es um die Fragen:

  • Wer sind die Menschen, die zu uns kamen und kommen?
  • Wie leben sie hier?
  • Welche Chancen haben sie in unterschiedlichen Bereichen, wie Arbeit, Wohnung, Freundschaft und Liebe etc.?
  • Welche Mißverständnisse gibt es zwischen den Zuwanderern und der alteingesessenen Bevölkerung?
    • Welche Erwartungshaltungen hatten die afrikanischen Zuwanderer und welche Klischeebilder haben sie von Österreichern?
    • Welche Klischeebilder existieren von Afrikanern in unterschiedlichen Bereichen?
  • Welche Auswirkungen haben afrikanische Klischees und Voreingenommenheiten gegenüber dem Westen auf ihre Chancen in der Gesellschaft?
  • Warum hatten die Engagierten nicht mehr Erfolg bei ihrem Einsatz für Zuwanderer?
  • Wie kann man diese Mißverständnisse überwinden und für mehr Verständnis sorgen?

Ich habe eine Reihe von Experten und/oder Betroffenen eingeladen, zu diesem Buch Beiträge zu verfassen. Es war mir besonders wichtig, daß sie aus der Praxis kommen bzw. Praxis untersuchen und schwarz-weiße Begegnungen mit ihren positiven wie negativen Seiten, mit ihren Mißverständnissen und den mitunter unerfreulichen Reaktionen der Umwelt aus erster Hand intensiv erlebten. Genauso wichtig war es mir, daß sie bei gleichzeitiger Systemkritik doch fähig sind, durch die Schaffung von Verständnis Brücken zwischen den Welten zu bauen. Diese Brücken sind vorhanden, wenn einseitige Feindbilder vermieden werden, ob in Form von abgekanzelten Zuwanderern, ob in Form einer pauschal als rassistisch bezeichneten lokalen Gesellschaft. Brücken werden auch gebaut, wenn man nicht nur ideologisch Fernstehende kritisiert, sondern auch die Positionen und Verhaltensweisen der eigenen Gruppe, der für Zuwanderer Engagierten oder der Zuwanderer selbst, kritisch hinterfragt und auch hier System- und Einstellungsverbesserungen anstrebt. Es soll kein Buch sein, das definiert, wo die Guten und wo die Bösen sind. Es soll aber ein Buch sein, das die wirklich relevanten Problemstellungen sehr offen diskutiert. Das kann und wird für manche schmerzlich sein. Es geht jedoch niemals um persönliche Attacken, sondern um Vorschläge zur Verbesserung von Systemen.
Es würde mich freuen, wenn die meisten Leser dieses Buches nach den letzten Seiten diesen Eindruck teilen.

Ich danke den anderen Autoren, die auch mir durch ihre sensiblen Beiträge tiefere Einblicke in Detailbereiche des Kontaktfeldes Afrikaner-Wiener ermöglichen:

o Tarek Eltayeb, der in Form eines kleinen Theaterstücks afrikanische Alltagsrealitäten in Wien behandelt;
o Barbara Friebel und Elisabeth Hader, die sich für die Lage und das psychische Befinden afrikanischer Strafgefangenen interessierten;
o Bernadette Ludwig, die als "afrikanische Wohnungssuchende" bei einer Feldstudie des öfteren "ausgesperrt" wurde;
o Eva Adam-Maxova und F. Santner, die über ihre Erfahrungen als "afrikanische Stellensuchende" bei einer Feldstudie berichten;
o Ishraga Mustapha-Hamid, die von den besonderen Problemen afrikanischer Frauen in Wien erzählt;
o N. N., einer Wienerin, die ungenannt bleiben möchte, weil sie um die Aufenthaltsgenehmigung ihres afrikanischen Mannes fürchtet. Sie zeigt und läßt schwarz-weißen Beziehungsalltag und deren Rahmenbedingungen erfühlen;
o Déogratias Nsengiyumva, der in einer Geschichte persönliche Alltagserfahrungen eines Afrikaners in Wien erleben läßt;
o Chibo Onyeji, der als Dichter und Denker die Frage aufwirft, ob sich Europa nicht allzuschnell Angst vor dem Schwarzen Mann macht;
o Markus Pleschko, der Einblick in die Welt und Probleme afrikanischer Studierender gibt;
o Sonja Steffek, die die Probleme und Mechanismen schwarz-weißer Beziehungen analysiert;
o Januarius Sseruwagi, der Einblicke in die irrealen Vorstellungen von Europa in Afrika gibt, die viele Menschen auf der Suche nach dem Paradies hertreiben, ihren in der Folge erlebten Enttäuschungen und den eigenen Notlügen Familie und Freunden gegenüber;
o Uschi Weinhäupl, die auf eine sehr dichte Weise in die Gedanken, Verhaltensformen und Versuchungen afrikanischer jugendlicher Asylwerber einführt;

 

 

 

 

 

Methoden und Umfragen

Um diese Fragen einigermaßen beantworten zu können, fließen neben den unabhängigen Recherchen weiterer Beitragender folgende Untersuchungen bzw. Interviews ein:

  • die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter 154 Afrikanern über ihre Erfahrungen in Wien (von Juni-September 2000);
  • die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter 702 Wienern über Einstellungen und Erfahrungen mit Afrikanern (und 6 weiteren Zuwanderergruppen) im Jahr 2000;
  • 190 Scheinbewerbungen für Wohnungen (gemeinsam mit B. Ludwig), bei denen wir uns im Namen von Afrikanern für freie Wohnungen bewarben;
  • jeweils 36 Scheinbewerbungen für freie Arbeitsplätze im Namen von Afrikanern und Österreichern ( gemeinsam mit Eva Adam-Maxova und Fridarike Santner)
  • die Ergebnisse von 30 Fragebogenbefragungen unter Experten für Entwicklung und Integration über ihre Sicht der Situation von Afrikanern in Wien;
  • zahlreiche weitere persönliche Gespräche und Tiefeninterviews mit Wienern;
  • zahlreiche Einzelgespräche mit Integrationsexperten;
  • die Ergebnisse einer Umfrage unter 86 Afrikanern über ihre Erfahrungen in Wien (in den Jahren 1991-93)
  • zahlreiche Tiefeninterviews mit Afrikanern aus unterschiedlichen Bereichen;
  • die Ergebnisse zahlreicher Podiumsdiskussionen, die ich begleitend zu diesen Recherchen im Club International Universitaire in Wien organisierte;
  • die Erfahrungen als langjähriger Abteilungsleiter des Afro-Asiatischen Instituts Wien;
  • die Erfahrungen aus 7 Jahre Afrika in 15 verschiedenen Ländern.

Wir wählten folgende Zuwanderergruppen für die Umfrage unter 702 Wienern:

  • Afrikaner
  • Araber
  • Türken
  • Italiener
  • (Ex-)Jugoslawen
  • Chinesen
  • Japaner

Mit der Auswahl dieser 7 Zuwanderergruppen sollte untersucht werden,

  • welche Rolle die Herkunftsreligion bei der Wertschätzung von Zuwanderern spielt (kulturelle Distanz);
  • welche Rolle der relative Wohlstand bzw. die Entwicklungsdynamik der Herkunftsregion bei der Zuschreibung von Attributen spielt, die die Aufnahme in verschiedene Bereiche erleichtern oder erschweren können;
  • ob sich Zusammenhänge zwischen relativer Bekanntheit einer Kultur und ihrer Akzeptanz nachweisen lassen.

Die Umfrage unter 702 Wienern wurde gemeinsam mit folgenden Interviewern durchgeführt, für deren Einsatz ich mich bedanken möchte.

Freller, Elke; Hegi, Peter; Heilingbrunner, Hans; Hölzl, Inge; Horvat, Jelka; Knoll, Karin; Krenn, Kerstin; Lummerstorfer, Ursula; Maikisch, Antonia; Mair, Birgit; Mundt, Julia; Schmid, Sigi.

Die Umfrage unter Afrikanern wurde ausschließlich mit afrikanischen Interviewern durchgeführt, da - auch auf Grund der politischen Veränderungen - die meisten Afrikaner gegenüber Österreichern sehr mißtrauisch geworden sind. Ich bedanke mich sehr herzlich bei:

Béatrice Achaleke (Kamerun); Pascal Ndabarinze (Ruanda); Valentine (Nigeria);
Didier Rucekeli (Ruanda) und Januarius Sseruwagi (Uganda).


 

 

 

 

 

 

Ich danke den Sponsoren

Eine so umfangreiche Publikation, die noch dazu mit zahlreichen kostenintensiven Befragungen verbunden ist, wäre ohne die finanzielle Unterstützung verschiedener Institutionen unmöglich gewesen. Mein besonderer Dank geht an:

die Magistratsabteilung 18 für Stadtentwicklung und Stadtplanung (Prof.Dr.Hubert Ch. Ehalt);
den Wiener Integrationsfonds (Hrn. Johannes Seitner);
KommEnt (Mag. Helmuth Hartmeyer) und damit der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Konstruktive kritsche Geister

Eine Reihe von fachlich hochversierten Experten unterzog die Kapitel einer kritischen und gleichzeitig sehr konstruktiven Analyse. Ich bedanke mich bei ihnen sehr herzlich für die zahlreichen offenen Gedanken, die mich häufig zwangen, Ansätze zu überdenken bzw. durch zusätzliche Daten zu untermauern. Es machte einfach Spaß, mit ihnen leidenschaftliche Diskussionen auszutragen. Sie sind für mich positive Beispiele des Gedankens einer offenen Gesellschaft im Sinne Poppers:

  • Binderhofer, Edith. Germanistin, Arabistin und Bildungsmanagerin. Ehemalige Leiterin des Asien-Bereichs des Afro-Asiatischen Instituts Wien;
  • Dusabe, Jean (Ruanda). Informatiker. Ehemaliger Moderator des Afro-Asiatischen Instituts Wien im Rahmen des African Speakers' Corners; Gründer der Nord-Süd Kulturbrücke, einer völkerverbindenen Initiative für Menschen aus Afrika und Österreich;
  • Inou, Simon. Journalist mit Leib und Seele, Netzwerk-Experte. Chefredakteur von Radio Tribüne Afrika. Machte wegen seiner kritischen journalistischen Arbeit Erfahrung mit den Gefängnissen seines Vaterlandes Kamerun;
  • Nier-Fischer, Federico. Universitätslehrer und Leiter der Österreich-Abteilung des IPS (Inter Press Service). Engagiert, authenthische Informationen aus dem Süden direkt in österreichische Medien zu bringen. Experte für Entwicklungsfragen aller Art;
  • Pichlhöfer, Harald. Universitätslehrer für Interkulturelle Kommunikation, Patentexperte und Schauspieler. Autor des Buches: "Typisch Afrika.";
  • Sommerauer, Erich. Afrikanist. Leiter der Bibliothek für Afrikanistik. Autor eines Buches über Kenneth Kaunda (Sambia); Mitherausgeber der Festschrift Mukarovsky: "Komparative Afrikanistik".
  • Szabo, Andreas. Afrikanist und leitender IT-Experte. Exzellenter Kenner afrikanischer Musik und der dazugehörenden Kulturen in Theorie und Praxis. Unterstützt tatkräftig zahlreiche afrikanische Musiker.

 

 

 

 

 

 

Vorwort von Franz Nuscheler

Wir begegnen ihnen - den Afrikanerinnen und Afrikanern - auf den Straßen, in Bahnhöfen und Zügen, in Cafes und Hochschulen, meistens gleichgültig, manchmal freundlich, aber nicht selten mit Blicken oder einer Körpersprache, die Distanz oder sogar Ablehnung verraten. Sie leben unter uns, aber nicht mit uns. Zwar verrät die Hautfarbe, dass sie aus Afrika kommen, aber wir wissen nicht, warum sie gekommen sind, was sie hier tun, wie sie hier leben und was sie hier alltäglich erleben. Wien ist nur ein Ort, der auch in einem anderen europäischen Land liegen könnte, freilich ein Ort, in dem das "Ausländerproblem" eine besondere politische Brisanz hat - und deshalb auch auf Seiten der Fremden mit schwarzer Hautfarbe besondere Empfindlichkeiten hervorruft. Nur im Wiener Afro-Asiatischen Institut (AAI) sprachen mir afrikanische Studierende auf aggressive Weise die Berechtigung ab, als Europäer über afrikanische Probleme zu sprechen. Da muss auf beiden Seiten viel schief gelaufen sein, müssen sich Missverständnisse und Vorurteile aufgestaut haben.
Es gibt inzwischen viele Erlebnisberichte von Türken, die schon in der dritten Generation im Berliner "Multi-Kulti"-Bezirk Kreuzberg leben, von Maghrebinern, die in den Trabantenstädten von Paris hausen, oder von Asiaten, die das Straßenbild des Londoner Eastend beherrschen. Aber wir wissen nur wenig über die Afrikaner und Afrikanerinnen, die in Europa studieren, hier Asyl gefunden oder ein Daueraufenthaltsrecht bekommen haben oder in der existentiellen Unsicherheit der Illegalität in ständiger Angst vor dem Entdecktwerden und vor der Abschiebung leben.
Der von Erwin Ebermann vorgelegte Sammelband vermittelt Einblicke in dieses Leben in der Fremde, teilweise aus der Sicht von Betroffenen, teilweise aus der Sicht von Beobachtern, die sich intensiv mit dem "schwarzen Nachbarn" beschäftigt haben. Er selbst lebte mehrere Jahre im afrikanischen "Busch", erlernte mehrere afrikanische Sprachen und erlebt deshalb mit seltener Empathie das "Afrika in Wien".
Die Beiträge berichten über geplatzte Träume, über Trugbilder Europas, über alltägliche Erfahrungen und schwierige schwarz-weiße Begegnungen, z.B. bei der Wohnungssuche und im Umgang mit Behörden; sie decken Missverständnisse, Vorurteile, Ängste und Feindbilder auf, die auf beiden Seiten entstehen und das Zusammenleben erschweren. Die Betroffenen klagen und klagen an, aber sie gehen auch selbstkritisch mit sich selbst um, indem sie auch eigene Vorurteile (wie den vorschnellen und pauschalen Rassismusvorwurf) hinterfragen.
Der Sammelband vermittelt zum Nachdenken anregende Einblicke in das Leben von Afrikanern und Afrikanerinnen in der Wiener Fremde, die überall in Europa sein könnte. Verstehen ist die Voraussetzung für Akzeptanz und Empathie. Das Buch hat nur einen Mangel: Es kommt sehr spät, aber besser spät als gar nicht. Es sollte nicht nur in Wien und im übrigen Österreich, sondern auch im ganzen deutschsprachigen Raum gelesen werden, weil Wien für schwarz-weiße Begegnungen keinen Sonderfall, sondern einen europäischen Normalfall bildet.


Franz Nuscheler

 

 

 

 

 

 

Kurzbiographie Franz Nuscheler

Direktor des Instituts für Entwicklung und Frieden in Duisburg. Wissenschaftlicher Leiter von Globale Trends; Univ.Prof. für Vergleichende und Internationale Politik an der UGH Duisburg; Autor und Herausgeber vieler Standardwerke wie z.B. Politische Organisation und Repräsentation in Afrika (zusammen mit K. Ziemer, 1978), Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik; Handbuch der Dritten Welt (zus. mit D. Nohlen) oder die oben angesprochenen Globale Trends u.v.a.