Schwarzer Alltag 99 Alltagserlebnisse eines Menschen schwarzer Haut in Wien Ein Erfahrungsbericht von Déogratias Nsengiyumva Mohona hieß anfangs nicht Mohona, sondern Serwambaricwenderirankiza. Die- ser und ähnliche Namen sind in seiner Herkunftskultur gang und gebe. Aber nachdem man ihm hierzulande des öfteren zu verstehen gegeben hatte, daß nie- mand seinen Namen aussprechen könne, entschied er sich, den Namen zu än- dern und sich Mohona zu nennen. Mohona konnte sehr gut mit seinem neuen Namen leben, bis er eines Tages gefragt wurde, was das für ein Name sei. Denn der Name Mohona sei aus keiner Kultur Afrikas, von er sicher stamme, bekannt und in Amerika, wo auch „Neger“ heimisch geworden seien, sei der Name nirgends anzutreffen. Und hierzulande heiße man Berger, Brückler, Dörfler, usw., aber nicht Mohona! Al- so sei er auch hier in Wien [Österreich] nicht heimisch. Diese Bemerkung kränkte Mohona besonders, denn er hatte seinen Na- men Serwambaricwenderirankiza aufgegeben als Zeichen dafür, daß er sich in die Kultur integrieren wollte, wo man üblicherweise den Ausdruck „Gastkultur“ gebrauchte, um einem Fremden höflich mitzuteilen, daß er in der lokalen nicht heimisch sei. Die Kränkung Mohonas war um so schwerwiegender, als die Be- merkung, sein Name sei in keiner Kultur heimisch, von einem so genannten weltgewandten Menschen ausgesprochen wurde, von dem man erwarten könnte, daß er verletzende Bemerkungen unterlassen könnte. Für Mohona war es sehr verletzend, vor Augen geführt zu bekommen, daß er keine kulturelle Wurzeln mehr hatte, denn in seiner ursprünglichen Heimat würde er kaum mehr wieder heimisch werden. Nachdem Mohona sich von jener Verpflichtung befreien konnte, die ihn in so eine prekäre Situation, nämlich weltgewandte Österreicher treffen zu müs- sen, gebracht hatte, wandte er sich der Boshaftigkeit zu, der er in all den Jahren begegnete, aber auch manchen gutgemeinten Annäherungsversuchen, die ihn am Verstand hiesiger Menschen zweifeln ließen. Ihm war bewußt, daß die nega- tiven Erfahrungen in der Minderzahl waren, aber es waren auch die, die sich be- sonders tief eingeprägt hatten. Vor vielen vielen Jahren, wie ihm jetzt vorkam, landete Serwambaric- wenderirankiza mit der Zuversicht in Wien, hier einige Jahre mit dem Studium einer Wissenschaft zu verbringen, um danach in seine Heimat zurückzukehren. Inzwischen wurde er in Österreich heimisch, sprach sogar gewöhnlich den Wie- ner Dialekt so gut, daß man meinte, einen Wiener vor sich zu haben, wenn er nicht schwarzer Haut wäre.... Er bemühte sich redlich, sich in die Gesellschaft zu integrieren, in der er lebte, und freundete sich sofort mit vielen Studenten an. Manche boten ihm sogar an, sie zuhause, das heißt, bei ihren Eltern zu besu- chen. Er lehnte dies anfangs ab, da er fürchtete, sich mit den Einheimischen