Déogratias Nsengiyumva100 kaum verständigen zu können. Außerdem war er der festen Meinung, von jenen Studenten nur benutzt zu werden, weil sie sich durch ihn interessant machen wollten; denn nicht jeder schafft es, einen Exoten ins Dorf zu locken... Der damals junge Student hatte nämlich einige Erlebnisse hinter sich, die ihn davon abhielten, wieder in ländliche Gebiete zu ziehen. An jenem grüb- lerischen Abend erinnerte er sich an jenen jungen und eigentlich sehr freundli- chen Tiroler, der offensichtlich gehofft hatte, sich mit diesem unbekannten Afrikaner eine Meinung über, wie er sagte, „Neger“ im Allgemeinen und fuß- ballspielende „Neger“ im besonderen bilden zu können. Damals dominierte fast in allen Teilen und Schichten der österreichischen Gesellschaft die Ansicht, je- der Mensch schwarzer Haut, den das Schicksal nach Österreich verschlagen hat- te, müsse Fußball spielen können oder jener sei so „wild“, daß er nicht ein mal kicken könne. Was die Kicker angeht, herrschte im Land nicht gerade die Mei- nung, sie seien besonders intelligent, daher wären die (kickenden) „Neger“, so der Sprachgebrauch Land auf, Land ab, noch weniger von Intelligenz geplagt. Nicht nur mit dem Tiroler, der kaum nach dem Buch reden konnte (so heiße es in Österreich, wenn man Hochdeutsch redet, hatte Mohona gelernt), hatte Serwambaricwenderirankiza Schwierigkeiten. Er hatte in den Anfangsjah- ren seines Aufenthaltes damit zu kämpfen, daß sogar Kinder sich bemüßigt fühlten, mit dem Finger auf ihn zu zeigen und zu ihren Müttern zu sagen: „Ma- ma, ein Neger!“. Bei diesem Gedanken erinnerte sich Mohona an jene Ge- schichte, die ihm fast zum Verhängnis geworden wäre. Es war ein schöner Frühlingstag in seinem ersten Frühling in Öster- reich. Durch viel Fleiß beherrschte er die Umgangssprache bereits recht gut und verließ zuversichtlich sein Wohnhaus, um aufs Land zu fahren. In einer Station der ehemaligen Stadtbahn lief ein Kind auf ihn zu; es blieb vor ihm stehen und krümmte sich vor Lachen, während es auf ihn zeigte und unaufhörlich schrie „Mama, Mama ein Neger!“ Der gute Mann beschloß, sich zu beherrschen, aber so zu reagieren, wie es in seinem Heimatland üblich war, nämlich einem Kind, das sich unpassend verhält, auch immer zu sagen, wie es sich zu benehmen hät- te. Er fragte das Kind freundlich, aber bestimmt, was da so lächerlich oder ko- misch sei und wer ihm beigebracht habe, Unbekannten gegenüber frech zu sein, seine Mutter oder sein Vater. Der Mutter des Bengels war das sehr peinlich. Sie versuchte dem Kind zu erklären, daß man niemals so eindringlich auf unbekannte Menschen zeigen dürfe. Daß aber Herr Serwambaricwenderirankiza nicht als Neger bezeichnet werden wollte, war unwichtig für sie. Noch andere Zeitgenossen warteten an der gleichen Station auf die Stadtbahn. Einige ereiferten sich darüber, was ein Neger wohl einem österreichischen Kind beizubringen habe; Neger seien Neger und dafür könne weder die Frau noch das Kind etwas. Die anderen aber, für die es selbst wohl auch ein Problem oder vielleicht nur unangenehm gewesen wäre, in einem anderen „Gastland“ so oder ähnlich angesprochen zu werden, ver-