Afrikaner und Behörden 133 und erwarten sich nun, daß der neue Zuwanderer endlich auf eigenen Füßen steht. Dazu kommt oft die Angst, abgeschoben zu werden und ein wachsender Frust, mitunter sogar Haß auf die lokale Gesellschaft, die scheinbar Afrikanern keine Chancen geben will. Dieser Groll gegen die als feindlich empfundene lokale Bevölkerung paart sich mit dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, geboren aus legalen wie ma- teriellen Schwierigkeiten. Beides formt bei vielen die Meinung, daß man von dieser Gesellschaft nichts zu erwarten hätte, daß man ihr aber daher auch nichts schulde. Bezog man anfangs oft schuldlos „Ohrfeigen“, wie bei der ständigen latenten Unterstellung, ein Dealer zu sein, und widerstand man zahlreichen An- pöbelungen von Drogensüchtigen, die Drogen kaufen wollten, so wird jetzt zu- nehmend das Verhältnis zur lokalen Gesellschaft in Frage gestellt. Warum fair sein gegenüber einer Gesellschaft, von der man sich selbst unfair behandelt, diskreditiert und ausgeschlossen fühlt? Und wenn man schon wie ein Dealer behandelt wird, warum sollte man sich dann nicht auch dementsprechend ver- halten? Man glaubt nicht mehr, jemals in dieser Gesellschaft akzeptiert zu wer- den. Daher sinkt die Bedeutung sozialer Akzeptanz und sozialer Kontrolle, die für die Einhaltung lokaler Normen so wichtig ist. Und plötzlich wird für einzel- ne auch ein Verbrechen denkbar, wenn damit Licht am Ende des Tunnels sicht- bar wird. Sich selbst als Opfer der Gesellschaft einstufend, sehen manche Afri- kaner den Drogenhandel als erzwungen und als Notwehr an, als letzte Chance in einem unfairen Überlebenskampf. Das Ziel wandelt sich: Man möchte nicht mehr hierbleiben, sondern diese Gesellschaft so schnell wie möglich verlassen, wenn man die Erwartungen der Zuhausegebliebenen erfüllt hat. Und man möchte nicht als Armer und Ge- scheiterter zu seiner Familie zurückkehren müssen… Der schnellste Weg dazu führt über den Drogenhandel, dessen verheerende Auswirkungen auf Menschen nun kaum mehr reflektiert werden. Sind nicht auch die Opfer des Drogenhan- dels, die Süchtigen, Teil dieser rassistischen und unbarmherzigen Gesellschaft? Warum sollten also Afrikaner mit ihnen Mitleid haben? In Gesprächen meinten Polizisten, daß afrikanische Dealer zum Unterschied von anderen oft extrem öf- fentlich agieren. Auch das könnte ein Anzeichen für dieses Gefühl des Nichts- mehr-Verlieren-Könnens sein. 22,7% der integrierten Afrikaner finden, daß die österreichischen Konsumenten schuld am afrikanischen Drogenhandel seien, bei den Nichtintegrierten sind es hingegen bereits 43,5%.