Sonja Steffek256 Mitglied einer bestimmten Gesellschaft oder auch einer Gesellschafts- schicht zu sein bzw. sich in ihr zu bewegen, bedeutet somit auch, einem be- stimmten Kultursystem anzugehören, einen bestimmten Sozialisationsprozeß zu durchlaufen und damit eine - wenn auch individuell geprägte - kulturspezifische Identität zu erwerben. Von jedem Individuum wird somit durch die Erziehung ein bestimmtes ökonomisches, politisches, soziales und geistiges System er- lernt. Die Partner in einer interkulturellen Paarbeziehung sehen sich damit zu- nächst mit der Tatsache konfrontiert, daß beide ihre primäre Sozialisation - die sehr fest im Bewußtsein verankert ist - in unterschiedlichen Kulturen erfahren haben (Reif 1996:42). Jede Gesellschaft besitzt etwas, daß man als "gesellschaftlicher Wis- sensvorrat" bezeichnen könnte. Das bedeutet, daß jedes Mitglied dieser Gesell- schaft eine bestimmte Vorstellung davon hat, wie sich "normale" oder "anorma- le", "einheimische" und fremde Personen", "Männer" und "Frauen" verhalten und welche Eigenschaften und Verhaltensweisen mit diesen Vorstellungen ver- bunden sind. Aus diesen Vorstellungen leiten sich bestimmte soziale Rollen ab, die jedes Mitglied einnimmt. Dabei kann eine Person auch mehrere Rollen gleichzeitig einnehmen. Sie kann beispielsweise gleichzeitig "Frau", "Einheimi- sche", "Normale", "Angehörige einer bestimmten Schicht" etc. sein und sich auch dementsprechend verhalten (vgl. auch Gómez Tutor 1993:47). Darüber hinaus enthält dieser Wissensvorrat eine Anzahl an Typisie- rungen von Handlungen, d.h. "Rezepte" und Anweisungen für Handlungsabläu- fe, die Lösungen von Routineproblemen usw. Diese Anweisungen betreffen ein- fache Handlungen wie beispielsweise eine kulturspezifische Art Kaffee zuzube- reiten ebenso wie das Verhalten in einer Partnerschaft. Das Ganze läßt sich an Hand eines Beispiels veranschaulichen (Reif 1996:39). Während des Zweiten Weltkrieges untersuchte eine Arbeitsgruppe von Psychologen ein Phänomen, daß zu jener Zeit in einem Teil Großbritanni- ens zu beobachten war, in dem amerikanische Truppen stationiert waren. Wie zu erwarten, war es hier rasch zu ersten Beziehungen zwischen den britischen Frauen und den amerikanischen Soldaten gekommen. Es häuften sich jedoch auch die Beschwerden der Frauen über die Zudringlichkeit der Amerikaner. Die Mädchen bezeichneten die Soldaten als Draufgänger, die bereits beim ersten Rendezvous zum Geschlechtsverkehr drängten. Der Tenor der Männer lautete hingegen, die britischen Mädchen seien besonders freizügig, viel freier im Um- gang mit Sexualität und rascher zum Geschlechtsverkehr bereit. Es stellte sich schließlich heraus, daß sowohl die englischen Frauen, als auch die amerikani- schen Soldaten aufgrund kulturell fortgeführter unbewußter Normen eine unter- schiedliche Vorstellung von der Reihenfolge sexueller Handlungen hatten." Während z.B. das Küssen in Amerika relativ früh vorkommt, etwa auf Stufe 5, tritt es im typischen Paarungsverhalten der Engländer relativ spät auf, etwa auf Stufe 25. Praktisch bedeutet dies, daß eine Engländerin, die von ihrem Soldaten