N. N.274 Lebensbewältigung in Schwarz-Weiß in Wien N.N. Als ich 20 Jahre alt war, lernte ich John, meinen jetzigen Mann, in einer Disko- thek in Wien kennen. Er lebte damals in Salzburg und ich in Wien. Wir tausch- ten unsere Telefonnummern aus und es entwickelte sich sehr schnell eine typi- sche "Wochenendbeziehung". Entweder fuhr ich zum Wochenende zu ihm nach Salzburg oder er zu mir. Während der Woche telefonierten wir täglich. John teilte sich die Wohnung in Salzburg mit zwei Freunden und besonders am Wochenende kamen ständig Bekannte vorbei, die wieder andere Bekannte mit- brachten. Die Wohnung war permanent in einem Belagerungszustand. Jemand kochte im Vorzimmer, das behelfsmäßig mit einen kleinen Herd ausgestattet war, andere saßen vor dem Fernseher, wo dröhnend laut afrikanische Videofil- me liefen, andere saßen im Nebenzimmer, wo ebenso laut Rap-Musik dröhnte und währenddessen unterhielten sich alle doppelt so laut über etwas, wovon ich kein Wort verstehen konnte. Ich glaube, der einzige Grund weshalb ich damals nicht sofort aus die- ser anstrengenden Umgebung geflüchtet bin, war, daß ich es interessant fand, Menschen kennenzulernen, die anders lebten, sprachen und aussahen als jene, die ich in meinem noch nicht allzu langen Leben kennengelernt hatte. Bei Österreichern hatte ich immer das Gefühl, ich würde anhand der Informationen, die ich über mich bekannt gab, sofort in gewisse Schubladen eingeordnet: Stu- dentin, aha, scheinbar gutes Elternhaus und Umfeld usw. Ich war also eine halbwegs akzeptable Person für jene Bekanntschaften, deren Eltern als Ärzte, Geschäftsmänner oder sonstwie prestigeträchtig ihr Geld verdienten. Dieses Einordnen von Menschen in Klischees und das Beurteilen, ob der Andere seiner selbst würdig ist, hat mich schon immer sehr gestört. Ich fühlte mich von den afrikanischen Freunden meines Mannes nicht so nach äußeren Merkmalen beurteilt, sondern mehr anhand mei- ner Handlungen, was ich tat, wie ich es tat, wie ich sprach, worüber ich sprach und wann ich nicht sprach. Es war ihnen absolut egal, in welche Schule ich ging, wie mein Karriereplan für die Zukunft war und welches Auto ich fuhr. Ich war nicht mehr als eine Person, die man aufgrund ihrer Art mag oder nicht mag. Ich schloß alle Bewohner und Gäste dieser Wohnung bald ins Herz, vor allem, weil sie bei unserer Wochenendgestaltung immer dabei waren. Wir gingen Billard spielen, in den Club tanzen, auf einen Stadtspaziergang, wir aßen alle gemeinsam aus einem großen Teller und so empfand ich eigentlich bald alle als meine Freunde. Eine "Beziehung" im europäischen Sinne habe ich mit meinem Mann nie geführt, wenn wir uns stritten, mußte ich mit allen Anwesenden streiten und