Lebensbewältigung in Schwarz-Weiß 275 mich rechtfertigen, Händchenhalten in Gesellschaft ist striktes Tabu, Gefühle zeigen ebenso. Nur wenn er bei mir zu Hause war konnten wir halbwegs ungestört bleiben und nur dann hatte ich das Gefühl, daß er sich mir gegenüber etwas öff- nete und mir mehr von seinem Wesen zeigte. Ich hatte ihn sehr gerne, ich emp- fand ihn als einen herzensguten, weichen Menschen, der durch seine extrem harte Kindheit in Nigeria (er mußte als siebenjähriger Halbwaise auf der Strasse Plastiksackerln verkaufen) und dem schweren Existenzkampf den er, seit er sei- ne Heimat mit 17 Jahren verlassen hat, nun alleine weiterführen mußte, zu ei- nem Menschen mit einem unwahrscheinlich starken Willen wurde. Meine Familie war natürlich äußerst neugierig auf den Mann, mit dem ich nun schon seit einigen Monaten zusammen war und wollte meinen neuen Freund unbedingt kennenlernen. Sie wußten, daß er ein Afrikaner war und es schien kein großes Drama für sie zu sein. Das erste Zusammentreffen mit John und meiner Familie war jedoch eine Katastrophe: Wir saßen um den gemeinsamen sonntäglichem Mittags- tisch, John im Mittelpunkt des Interesses. Meine Großmutter hatte aufgekocht, typisch österreichische Speisen, die John scheinbar noch nie zuvor gesehen oder gekostet hatte. Er fischte aus der Suppe einige für ihn eßbare Bestandteile her- aus, verweigerte nach einmaligem Kosten den Salat und das Saftfleisch. Der trockene Reis war das Einzige, was er hinunterzuwürgen vermochte. Meiner Großmutter stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Mein Bruder, da- mals 18, konnte seine Erheiterung nicht verbergen, als es offensichtlich wurde, daß in Afrika die bei uns so gehuldigten Tischgebote "Gerade sitzen als hätte man einen Besen verschluckt, Ellbogen so fest anlegen, daß man Telefonbücher dazwischen klemmen könnten, Löffel zum Mund nicht Mund zum Löffel, Ell- bogen nicht auf den Tisch, keine ausladenden Gesten mit der Gabel und einem daraufgespießten Stück Fleisch, erst schlucken und dann sprechen,..." keine all- zu grosse Bedeutung zu haben scheinen. Mein Stiefvater verdrehte die Augen vor Entsetzen. Ich war bloß enttäuscht, da ich natürlich sofort wußte, daß meine Familie sich ihre vernichtende Meinung bereits gebildet hatte, ohne sich die Mühe zu machen, John als Mensch besser kennen zu lernen. Nach dem Essen ging es erst richtig los: Mein Stiefvater fragte John, ob er Mozart kennt, nein? Vielleicht Beethoven? Picasso? Shakespeare? und kam dann endlich zum Schluß, daß die Afrikaner offensichtlich ein kulturloses Volk seien. Ich wollte John unterstützen und wies darauf hin, daß Nigeria seine eigene interessante Kultur habe. Man muß nur an die verschiedenen Mythen, die Riten und nicht zuletzt die wunderschönen Lieder denken. Daraufhin bat meine Mutter John, doch ein Liedchen aus der Heimat zu singen. John traute sich nicht abzulehnen, stimmte eine Melodie an und hatte bald Tränen in den Augen. Er unterbrach sich und sagte mit nach unten gekehrten Blick: "Sorry, if I