Erwin Ebermann348 Ich könnte mir nie vorstellen, für eine Partei zu kandidieren, die den Tod mei- nes Bruders Marcus Omofuma mitverantwortet. Die ÖVP war für mich von vornherein kaum vorstellbar, weil ich als Theologe bei dieser Partei keine Über- einstimmung mit christlich-sozialer Lehre finde. Der Wiener Parteichef Görg (der im Gegensatz zur SPÖ Wien die Öffnung der Gemeindebauten für Zuwan- derer forderte, Anm. des Hg.) ist innerhalb der Partei nur ein Einzelgänger. Für mich sehen die Grünen Afrikaner auch nicht nur als Opfer. Wäre dem so, würden sie Afrikaner nicht so in den Vordergrund stellen. Frage: Haben Sie das Gefühl, daß Ihre Ernennung als Kandidat ein rein wahl-taktisches Manöver Ihrer Partei war? Tsehay: Nein. Es war vielmehr Anzeichen eines allgemeinen Meinungsum- schwungs, schließlich gibt es sehr viele Migranten innerhalb der SPÖ, die sich nun stärker durchsetzen. Es war auch ein gewisses Votum für Zuwanderer im Allgemeinen und nicht nur für eingebürgerte. Agbogbe: Nein. Die Zuwandererdebatte läuft bei den Grünen anders als bei den anderen Parteien. Die Grünen sind demokratischer und jeder kann kandidieren. Bei den Grünen werden die Kandidaten in Vorwahlen von der Parteibasis be- stimmt und nicht nur vom engsten Führungskreis wie bei anderen Parteien. Ich sitze auch im Vorstand der Grünen Immigranten und wurde von etwa 100 Men- schen gewählt. Frage: Warum gingen Sie in die Politik und warum sollten Afrikaner es tun? Tsehay: Als politischer Mensch möchte ich an dem Staat partizipieren, in dem ich lebe, und ihn mitgestalten. Es dauert lange, bis man Einstellungen und Um- stände verändert, aber dazu muß man gerade als Minderheit präsent sein. Die bloße Anwesenheit von Zuwanderern/Afrikanern in Gremien verändert bereits im atmosphärischen Bereich vieles wie z.B. die Gesprächsthemen, die Witze und den Zugang zu den Themen. Agbogbe: Ich wollte mein Mitspracherecht ausnützen, um für meine Mitmen- schen, besonders natürlich für oft benachteiligte Afrikaner, etwas tun zu kön- nen. Ich möchte beitragen, diese Gesellschaft gerechter zu machen. Frage: Welche Erfahrungen machten Sie während der Wahlkampagne? Tsehay: Ich war zwar an 22. Position und dadurch an aussichtsloser Stelle ge- reiht, hatte aber dennoch fast ausschließlich sehr positiven Zuspruch, viele er- mutigende Anrufe und Zurufe. Internationale Medien kontaktierten mich und wollten unbedingt etwas über negative Vorfälle während der Wahlen hören. Ich mußte sie aber enttäuschen. Die Österreicher sind offener, als man glaubt und sind sicher reifer geworden. Sie sehen schwarze Parlamentarier in Frankreich und anderswo und beginnen dies zunehmend als Normalität zu betrachten. Agbogbe: Innerhalb der Partei waren die Erfahrungen einheitlich positiv. Ich bemerkte keinerlei Anzeichen von Rivalität. Einige wollten sogar, daß ich wei- ter in der Parteihierarchie aufsteige und mich stärker in der Politik engagiere. Ich wurde sogar für den Bundeskongreß nominiert. Die Grünen waren und sind