Afrikaner und Behörden 153 handlungen kennenlernen, was den Abbau gegenseitiger Vorurteile erheblich erschwert. Polizei und Armee sind gewiß auch in den meisten afrikanischen Ländern keineswegs für ihren zärtlichen Umgang mit Opposition, Kriminellen und sogar der Zivilbevölkerung bekannt. Afrikaner fühlen sich aber in Wien al- leingelassen, stehen einer fremden Justiz gegenüber und sind bei Amtshandlun- gen und Haftaufenthalten viel stärker isoliert, als sie dies in Afrika wären. Das erzeugt ein größeres Gefühl des Ausgeliefertseins und der Schutzlosigkeit. Da- her sorgt jede neue Meldung von mutmaßlichen Übergriffen gegen Afrikaner für enorme Aufregung in den Reihen der Afrikaner. Der meiner Ansicht nach einzige Weg aus dieser gegenseitigen Sprachlosigkeit führt über persönliche Begegnungen in entspannter und konstruktiver Atmosphäre. Wien im Frühjahr 1997. Michael Spranger von der Volkshilfe Wien be- sucht mich im Afro-Asiatischen Institut und fragt mich, ob er mit einer Gruppe von Polizisten das AAI besuchen könnte. Er erzählt mir, daß die Volkshilfe ein Projekt entwickelte, Polizisten mit dem Integrationsbereich vertrauter zu ma- chen und das AAI wäre eines der Symbole. Ich nutze die Gelegenheit und biete ihm an, Seminare für Polizisten für sensibleren Umgang mit Afrikanern und Moslems zu konzipieren und zu organisieren. Er ist begeistert und stimmt zu. Ich mache mich ans Werk und konzipiere die ersten derartigen Seminare für Po- lizisten in Österreich. Es ist mir klar, daß ich Berührungspunkte zwischen den Kulturen schaffen muß und daß Frontalvorträge kaum Einstellungen verändern werden. Wichtiger erschien es mir, verbindende Brücken zu finden, auf denen Polizisten wie Afrikaner auf fruchtbare Entdeckungsreise in die unbekannten Welten des anderen Lebensraums gehen konnten. Zwei Monate später ist der Tag des ersten Seminars gekommen. Ich bemühe mich um einen angenehmen Rahmen, der zu entspannten Gesprächen beitragen soll. Ein heller freundlicher Raum mit einem großen runden Tisch, um den alle gleichrangig herumsitzen und auf dem Kaffee und köstliche afrikani- sche Kuchen serviert werden. Ich erwarte 20 Polizisten unter Leitung von Hrn. Köppel und habe mei- nerseits 15 Afrikaner eingeladen, die ich wegen ihrer Gesprächskultur schätzen- gelernt habe. Ich wählte sie auch nach ihren Stärken und Hobbys aus, um mög- lichst viele Anknüpfungspunkte zu den Interessen der Polizisten zu finden: der eine ist ein exzellenter Musikkenner, der andere ein Poet, der nächste ein Wirt- schaftswissenschaftler, die nächste eine dynamische Frau, dazu ein Experte für Religionen, ein Politikwissenschaftler, eine Friseurin, ein afrikanischer Musi- ker, ein afrikanischer Tänzer, ein Sportexperte, ein Kaufmann usw. Unsere Gäste kommen. Wir betreten den Raum. Die Polizisten, anfangs meist noch etwas steif, streben dem unteren Teil des Tisches zu und machen Anstalten zur Blockbildung. Ich ersuche sie, sich so über die Sitzplätze zu ver- teilen, daß jeder Polizist neben zumindest einem Afrikaner zu sitzen kommt. Sie akzeptieren diesen Vorschlag. Es kann losgehen...