VI Ein Buch über Subsahara-Afrikaner Dieses Buch heißt „Afrikaner in Wien“, doch handelt es ausschließlich von Menschen dunklerer Hautfarbe aus Subsahara-Afrika. Es beschreibt die Ge-schichte und Gegenwart der Beziehungen zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“ in Wien aus der Sicht aller Betroffenen. Dazu sind jeweils Vorurteile, deren Genese, Funktion und Konsequenzen auf beiden Seiten zu hinterfragen. Warum die Beschränkung auf Subsahara-Afrika? Bereits Subsahara-Afrika ist für sich betrachtet kulturell sehr diversifi-ziert und verlangt nach ständigen Differenzierungen von Aussagen. Die Einbe-ziehung der Zuwanderer aus Nordafrika hätte eine Reihe zusätzlicher und den Rahmen dieses Buches sprengende Präzisierungen verlangt: Während die berberische und arabische Bevölkerung Nordafrikas kaum versklavt wurde, leidet ein substantieller Teil der Bevölkerung Subsahara-Afrikas noch heute an diesem Trauma, welches die Beziehungen zwischen ihnen und Europäern erheblich beeinflußt; Nordafrika verband mit Europa eine Jahrtausende alte Beziehung, Subsaha-ra-Afrika war bis vor wenigen Jahrhunderten von Europa durch die Sahara und eine unwegsame See getrennt. Zumindest 2/3 Afrikas waren noch ge-gen 1885 für Europäer Terra Incognita. Daher spielt Legendenbildung bei Vorurteilen gegenüber Subsahara-Afrikanern eine viel stärkere Rolle als bei Nordafrikanern, die von vielen Reisenden besucht wurden und ihre Kul-tur durch Expansion über Südspanien nach Europa verbreiteten; Trotz gesamtafrikanischer Organisationen wie der OAU (Organisation Afrikanischer Einheit) stehen Subsahara-Afrikaner oft (auch nordafrika-nischen) Arabern genauso skeptisch wie Weißen gegenüber. Zu gut ist noch die Erinnerung an den arabisch-afrikanischen Sklavenhandel, zu häufig hört man Berichte über Rassismus gegenüber Schwarzen in arabischen Ländern. Während des Golfkriegs 1991 lebte ich in kleinen Dörfern Malis und Bur-kina Fasos. Wenn ich mein Radio einschaltete, wollten die Leute unbedingt wissen, wie der Krieg USA-Irak stehe. Ich schätze, daß etwa 90% der Men-schen eher zu den USA hielten, wobei eine der Gesellschaften sogar mehr-heitlich moslemisch war. Dies hat vermutlich mehr mit Spannungen mit der arabischen Welt als mit der Anziehungskraft der amerikanischen zu tun. Der Islam ist in Nordafrika eine wesentlich stärker normierende Kraft als in den meisten subsaharanischen Ländern. Subsahara-Afrikaner und Nordafrikaner sehen sich aus den oben genannten Gründen meist nicht als uniforme Gruppe. Eine sehr unterschiedliche Geschich-te und andere Prägungen erfordern genauso unterschiedliche analytische Zu-gänge. Daher ist dieses Buch ausschließlich Zuwanderern aus Subsahara-Afrika gewidmet, die hier in der Folge durchgehend Afrikaner genannt werden.