Markus Pleschko230 AFRIKANISCHE STUDIERENDE IN WIEN "L’émotion est nègre, comme la raison hellène", dieser berühmte und umstritte- ne Satz Leopold Sédar Senghors prägt seit mehr als 60 Jahre das Bild von Afri- kanerInnen in Europa. Spitzenleistungen in Sport und Musik unterstützen diese eindimensionale Sichtweise eher als sie aufzulösen. Pseudowissenschaftliche Debatten versuchten noch in den 90er Jahren eine intellektuelle Unterlegenheit von Schwarzen zu konstruieren. Debatten, die nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, nunmehr ebenso obsolet und absurd sind wie der Be- griff der menschlichen Rasse an sich. Die fehlende Breite wissenschaftlicher Höchstleistungen seitens afrikanischer WissenschaftlerInnen sind eindeutig auf soziologische und strukturelle Faktoren sowie pädagogische Defizite zurückzu- führen, wie der angesehene senegalesische Bankier Mamadou L. Diallo in sei- nem 1996 erschienen Buch „Les Africains sauveront-ils l’Afrique? 168 “ ausführ- te. Defizite, die die intellektuelle Elite Afrikas nach wie vor dazu zwingen, ihr Studium und ihre wissenschaftliche Tätigkeit an den Universitäten der westli- chen Industriestaaten durchzuführen. Ein kleiner Teil dieser Elite, rund 600 afrikanische Studierende und WissenschaftlerInnen, lebt und arbeitet in Öster- reich - mehrheitlich in Wien. Über die Situation von afrikanischen Studierenden in Wien wesentli- ches zu sagen, hieße eigentlich über StudentInnen aus Nigeria, Sudan, Äthiopi- en, Ghana, Kamerun, Rwanda, Burundi, Congo, Kenia, Kap Verde ... zu schrei- ben. Doch auch die Orientierung an der Vielfalt der afrikanischen Staatsgebilde würde der ethnischen, sozialen und politischen Heterogenität afrikanischer Stu- dierender in Österreich nicht gerecht werden können. Die "afrikanische Com- munity" gibt es nicht, vielmehr gibt es eine Vielzahl kleiner und kleinster Grup- pierungen, die oft eher gegeneinander als miteinander arbeiten. Es kann dabei schon vorkommen, daß eine äthiopische Initiative besser mit österreichischen oder westafrikanischen Vereinen kooperiert als mit Gruppen aus Äthiopien, die sich untereinander bespitzeln oder in Konkurrenz um Fördertöpfe und Spen- denmitteln stehen. Alleine die rwandesischen Studierenden in Wien verfolgen ihre Aktivitäten, die von politischen, humanitären bis zur kulturellen Zielset- zungen reichen, in mehr als drei Vereinen. Das, obwohl die Gruppe der Rwan- desen in Österreich kaum hundert Menschen umfaßt, Rwanda in etwa so groß wie Niederösterreich und Oberösterreich zusammen ist. Trotz dieser Vielfalt an 168 Zwei Voraussetzungen braucht es laut Diallo, sollten AfrikanerInnen Afrika retten können: Ei- ne kompetente, unbestechliche und respektierte Verwaltung sowie eine Grundschule neuen Typs: „... Wenn es gelingt, eine Generation zu bilden, die sich der Nivellierung auf Durchschnittsniveau verweigert, die begreift und akzeptiert, daß sozialer Fortschritt von Individuen ausgehen kann, die dynamischer sind als andere und die man unterstützen muß, nicht sie bekämpfen, dann wird Schwarzafrika einen großen Schritt auch in allen anderen Bereichen tun und nicht nur bei Sport und Tanz...“ (Franz Ansprenger: Politische Geschichte Afrikas. München 1999. S. 174.