Afrikaner und Behörden

Einen „sehr typischen Fall" nennt der Rechtsanwalt die Geschichte
seines afrikanischen Mandanten.

„Unglaubwürdig" nennt sie das Gericht – und lehnt die Beschwerde ab.


Von Wolfgang Machreich


Die Wiener Polizei entschuldigt sich, den Eindruck erweckt zu haben,
sie würde die Würde des Menschen missachten." Dieses Etschuldigungsschreiben der Bundespolizeidirektion Wien hält Jean-
Marie Kambowa Mutombo in der Hand. In der linken, die rechte Hand versucht er zur Faust zu ballen – es gelingt nicht, die Hand bleibt offen.
„Sichtbare Verletzung eines Polizeiübergriffs", sagt Mutombo und hält noch immer die Entschuldigung der Polizei in der anderen Hand.

Aber weder das eine noch das andere hat den Richter überzeugt. „Der Richter hat meine verletzte Hand gar nicht angesprochen", schildert
Mutombo den Ablauf des Verfahrens. Und warum man eine Entschuldigung ausschickt, wenn angeblich keine Notwendigkeit vorliegt? Auch diese
Frage spielte im Verfahren keine Rolle. Solche Entschuldigungsbriefe fallen eher in den Bereich Public Relation, erklärt Lenart Binder,
Rechtsanwalt von Kambowa Mutombo. Der Fall seines Mandanten ist für Binder „sehr typisch" und das Urteil vorhersehbar: „Natürlich verliert man gegen die Polizei." (auf jeden Fall wenn man schwarz ist) Mutombos Beschwerde wegen Beschimpfung, Misshandlung und rechtswidrigem Freiheitsentzug wurde bereits abgelehnt.
Auf das schriftliche Urteil wartet man noch.

Was war geschehen? Mutombo sagt, zwei Beamte hätten ihn Mitte März letzten Jahres auf der Straße angehalten. Nachdem sie mit der
Überprüfung seiner Dokumente fertig waren, erzählt der Asylwerber aus dem Kongo, sei er als „dummer Nigger" beschimpft, zu Boden geschlagen
und mit Handschellen gefesselt in das Kommissariat überstellt worden.
Unter Spott, Gelächter und Hohn habe er sich dort nackt ausziehen
müssen, schildert Mutombo seine Version der Amtshandlung. Zur
angekündigten Afterdurchsuchung nach versteckten Drogen sei es aber
nicht mehr gekommen. Nach drei Stunden wurde die Zellentür wieder
geöffnet. Der Afrikaner bekam seine Habseligkeiten zurück und konnte
gehen. Dolmetsch war bis dahin keiner eingetroffen. Die
Telefonleitung des Rechtsanwalts war besetzt.

Ein „sehr typischer Fall". Diese Qualifizierung von Lenart Binder
wird bei der Lektüre von Erwin Ebermanns neuem, akribisch recherchiertem Buch „Afrikaner in Wien" bestätigt. Der „Fall Mutombo" könnte eins zu eins in das Kapitel „Afrikaner und Behörden" übernommen werden. „Einer von zwei Exekutivbeamten", zitiert Ebermann eine Studie des Instituts für Konfliktforschung, „meint, dass Afrikaner lokale Gesetze nicht respektieren würden." Und Ebermann zieht daraus den Schluss: „Dieser erschreckend hohe Prozentsatz erklärt in hohem Maße die selektiven Maßnahmen der Exekutive gegenüber Afrikanern und deren weit überproportionale Kontrolle auf allen Ebenen." Deswegen ist der
langjährige Leiter des Afro-Asiatischen Instituts Wien und Uversitätslehrer mit Afrika-Schwerpunkt auch skeptisch, „ob Afrikaner angesichts dieser Einstellungen bei Amtshandlungen immer mit voller Unschuldsvermutung rechnen können".


„Case by case", fordert Mutombo, sollte die Polizei vorgehen. Nicht
generalisieren, nicht alle Schwarzen in einen Topf werfen. „Es gibt
afrikanischen Drogenhandel, aber nur ein geringer Prozentsatz der
legal hier lebenden Afrikaner ist daran beteiligt", rechnet Erwin Ebermann vor. „Durch ihre optische Auffälligkeit wird die Zahl afrikanischer Dealer von der Bevölkerung deutlich überschätzt." Diese
Hysterisierung führt zu haltlosen Verdächtigungen und erhöht den Druck auf die Polizei, was sich in häufigen Kontrollen von Afrikanern niederschlägt.
Polizisten rechtfertigen sich auch damit, so Ebermann, dass ihrer Meinung nach die Gewaltbereitschaft von Dealern und Kriminellen erheblich zugenommen habe, was ihrerseits zu erhöhter Nervosität und Überreaktionen führen könne.


Hass auf lokale Gesellschaft


Noch mehr als an den Kontrollen stoßen sich die Afrikaner aber am
häufigen Mangel an Taktgefühl, an den teilweise fremdenfeindlichen
Sprüchen und Verhaltensformen von Polizisten. Mutombo: „Ich habe dem
Polizisten gesagt, dass ich nicht dumm bin, aber ich weiß, dass er
mich Nigger nennt, weil ich schwarz bin."

Für Buchautor Erwin Ebermann beginnt mit derlei rassistischen
Herabwürdigungen ein Teufelskreis: Unter den afrikanischen
Zuwanderern
wachsen dadurch Frust, Groll, mitunter sogar Hass auf die lokale
Gesellschaft. Gepaart mit dem Gefühl materieller Hoffnungslosigkeit
forme sich dann bei vielen die Meinung, dass man von dieser
Gesellschaft
nichts zu erwarten hätte, dass man ihr aber auch nichts schulde. Und
Ebermann stellt die berechtigte Frage, mit der viele afrikanische
Zuwanderer konfrontiert sind: „Warum fair sein gegenüber einer
Gesellschaft, von der man sich selbst unfair behandelt, diskreditiert
und ausgeschlossen fühlt?" Sich selbst als Opfer einstufend, würden
manche Afrikaner den Drogenhandel als erzwungen und als Notwehr
ansehen,
als letzte Chance in einem unfairen Lebenskampf.

Sitznachbar in Straßenbahn


Jean-Marie Mutombo lebt seit 1999 mit seiner Tochter in Österreich.
In dieser Zeit habe er einiges an Diskriminierung erlebt, zählt er auf:
Beschimpfung, Lokalverbot bzw.: „Eintritt für Schwarze nur mit
Anzug."
Wenn er dann wenig später umgezogen vor der Tür stand, wurde ihm
erneut der Einlass verwehrt. Generell meint er jedoch, dass sich das
Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß in Österreich gebessert hat.
An
Kleinigkeiten will er das festmachen: Wenn sich jemand in der
Straßenbahn auf den Platz neben ihm hinsetzt, ist das für Mutombo
schon ein Hoffnungszeichen.

Was noch fehlt, ist ein „Leader", sagt Mutombo. Und auch Erwin
Ebermann
erwähnt in seiner Studie die Notwendigkeit eines gewählten Vertreters
der African Community in Österreich. Derzeit stehen sich die
einzelnen
afrikanischen Gruppen im Land aber großteils noch als Konkurrenten um
karge Fördermittel gegenüber. Die Einigung auf einen gemeinsamen
Dachverband ist daher eher unwahrscheinlich. So weit hat Jean-Marie
Mutombo aber bei seinem Vorschlag noch gar nicht gedacht. Er bräuchte
nur jemanden, sagt er, der „mit ihm zur Polizei geht".

Buchtipp

Afrikaner in Wien

Zwischen Mystifizierung und Verteufelung. Erfahrungen und Analysen

Von Erwin Ebermann (Hg.)

Lit Verlag, Münster 2002

432 Seiten, brosch., € 35,90