Das Schriftsystem N’ko in Guinea – zwischen linguistischer Innovation und prophetisch-messianischer Bewegung

Das N’ko-Schriftsystem[1]  in Guinea – zwischen linguistischer Innovation und prophetisch-messianischer Bewegung

(publiziert 2004 in Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien 7:  81-105). (hier als PDF)
 

N’ko ist eine 1949 von Souleymane Kante aus Guinea entwickelte Schrift, mehr noch, ein komplexes Schriftsystem mit umfangreicher Schaffung von Neologismen und zahlreichen Folgeaktivitäten zur Stärkung der Identität der Herkunftskultur Kantes, dem Volk der Maninka Oberguineas.

Wer als Weißer Menschen in Oberguinea erzählt, dass er die N’ko-Schrift gelernt hat, stößt auf äußerst positive Reaktionen. Der Zöllner an der Grenze zu Mali verkürzt die sonst penibel langen Kontrollen, die Zahl der Einladungen scheint sich zu vervielfachen und mit ihr die Zahl der interessierten Gespräche. Als ich mich in Kankan zur Polizei begebe, um kundzutun, dass ich zum Studium des N’ko hergekommen sei, lächelt der vorher streng und misstrauisch blickende Beamte. N’ko ist für viele Maninka ein Kernstück der Mandekultur, ein fast schon magischer Schlüssel zu den Mande-Gesellschaften Oberguineas, der viele Türen öffnet. Doch was ist dieses N’ko?

1949 erfand der aus Guinea stammende Händler Souleymane Kanté in Bingerville an der Côte-d’Ivoire das Schriftsystem N’ko. N’ko ist in seiner Anfangsphase ein Alphabet, das sich aus 27 primären Zeichen zusammensetzt, davon 7 für Vokale, 19 für Konsonanten und einem für den silbischen Nasal ¶. Warum sollte aber ein nüchternes Schriftsystem eine derartige Begeisterung auslösen? Dazu muss man in der Geschichte länger zurückblicken.

Die Vorgeschichte der Gründung

Franzosen und Briten betrieben in Afrika eine sehr unterschiedliche Kolonialpolitik. Während die Briten darauf achteten, ihre Gebiete mit möglichst geringem administrativen Aufwand zu verwalten und sich daher aus pragmatischen Gründen darum bemühten, auf lokalen Strukturen und Sprachen aufzubauen, sahen die Franzosen in afrikanischen Gesellschaften weit unterlegene Zivilisationen, die es auf die Höhe der französischen Kultur zu heben galt. Während die Briten intensive Studien afrikanischer Sprachen förderten, waren afrikanische Sprachen zur Erziehung in frankophonen Gebieten verpönt und Literatur in anderen Sprachen als Französisch unerwünscht[2]. Die französische Sprache in geschriebener wie gesprochener Form sollte eines der wichtigsten Vehikel dieser Assimilationspolitik darstellen. Mit diesen in Französisch verfassten Inhalten kamen auch neue und mitunter identitätsverändernde Konzepte. 

In diesem Umfeld wuchsen viele Tausende Afrikaner in frankophonen Gebieten auf. Auch Souleymane Kanté, Sohn eines angesehenen Islamgelehrten, war davon geprägt. Souleymane Kanté wurde 1922 in Soumankoi bei Kankan in Guinea geboren. Oberguinea ist die Kernregion der Maninka, welche mit dem Königreich von Mali eines der bedeutendsten afrikanischen Königreiche aller Zeiten gründeten. Es ist auffällig, dass immer wieder Menschen aus dieser Region besonders entschlossene Aktionen gegen Fremdbestimmung setzten, wie z.B. Samori Touré gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Kampf gegen die französischen Kolonisatoren, Sekou Touré 1958 mit seinem Bestehen auf sofortiger und kompletter Unabhängigkeit von Frankreich oder eben – wie in der Folge gezeigt wird – Souleymane Kante.

Auf seinen zahlreichen Reisen in verschiedene benachbarte Länder sah sich der junge Souleymane Kanté jedoch nicht nur der Geringschätzung der Europäer ausgesetzt, sondern auch der von Arabern. Der wohl wichtigste und nach allgemeiner Ansicht letzte Auslöser für die Schaffung der N’ko-Schrift lag vermutlich darin, dass Kanté im März 1944 in Bouaké in einer libanesischen Zeitschrift auf einen Artikel des libanesischen Autors Karmal Marouat stieß, in welchem dieser die afrikanischen Kulturen kritisierte. Die schwarzafrikanischen Sprachen hätten weder eine Ordnung noch eine Grammatik. Karmal sah sogar Ähnlichkeiten zwischen der Vogelsprache[3] und afrikanischen Sprachen und schloss daraus, dass afrikanische Sprachen nicht niedergeschrieben werden könnten. Daher sollten die Afrikaner europäische Schriftsprachen lernen, afrikanische Sprachen seien gerade gut genug für Oralliteratur. Der Autor schrieb, dass abgesehen von der rudimentären Vai-Schrift Liberias kein westafrikanisches Volk je eine Schrift entwickelt hätte.

In diesem Raum gab es schon vorher eine lange Geschichte der Herausforderungen und Konflikte mit Arabern und Berbern. 1024 ging das große Reich von Gana durch die Eroberung seitens der Almoraviden zu Ende; die Angriffe der Tuareg waren eine ständige Bedrohung für die Nordregionen des Königreichs von Mali. Der transsaharanische Sklavenhandel und somit der Export von schwarzen Sklaven in die arabische Welt verstärkten den weitverbreiteten Eindruck, dass Araber – so wie Weiße – die Schwarzafrikaner als Menschen zweiter Kategorie betrachteten.

Souleymane Kanté war einerseits geprägt von der spürbaren Unterschätzung seiner Kultur durch Araber und Weiße; andererseits war er als tiefgläubiger Moslem dem Islam und dessen Kultur sehr verbunden. Gleichermaßen schätzte er den Westen wegen dessen Fähigkeit der modernen Wissensvermittlung.  Er wollte sowohl dem Westen wie auch den Arabern durch Innovation und deutliches Aufzeigen der (besonders historischen) Leistungen afrikanischer Kulturen beweisen, dass Afrikaner geistig genauso leistungsfähig wie andere sind. Kante lehnte weder die Technik des Westens noch den in Arabien entstandenen Islam ab, sondern wollte deren Ent-Weißung und Ent-Arabisierung, d.h. deren Inkorporierung in die afrikanische Welt[4]. Modernes Wissen wie auch der Islam, dem Kanté sehr nahe stand, sollten nicht länger als nicht-afrikanisch, als Kontrast zum Afrikanischen, interpretiert werden.

Das Werk Kantés

Der Weg dazu führte über die Verschriftlichung von Islam und wesentlichen Werken der Weltkultur ins Maninka. Dazu musste Kanté zuerst das Maninka niederschreiben. Er versuchte es zuerst zwei Jahre lang in arabischer Schrift, dann zwei Jahre lang in lateinischer Schrift. Beide Versuche scheiterten, nach der Überlieferung nicht zuletzt deshalb, da Maninka als Tonsprache weder in der arabischen noch in der lateinischen Schrift zufrieden stellend niedergeschrieben werden konnte[5]. Daher versuchte Kanté, eine eigenständige Schrift zu entwickeln. Am 14. April 1949 wurde die Entwicklung der Schrift N’ko in Bingerville an der Côte-d’Ivoire abgeschlossen.

Dieses besteht aus 19 Konsonanten, 7 Vokalen und einem silbischen Nasal  ¶. Einige der Zeichen des N’ko-Alphabets sind nachfolgend zu sehen:

 

 

Alphabetisch werden im N’ko die Vokale vor den Konsonanten gereiht. Verschiedene Buchstaben erinnern an die lateinische Schrift, jedoch häufig mit anderem Lautwert:  So entspricht  R  dem Lautwert  r,  T  dem Lautwert  t,  ein umgelegtes großes b, nämlich  D   dem Lautwert  d, ein spiegelverkehrtes  F,  nämlich  P  dem Laut   p, während ein B  dem Laut  entspricht.  Manche Laute stimmen mit lateinischen Pendants gänzlich überein, wie z.B. das lateinische u mit seinem Gegenstück U, die Mehrheit der verwendeten Zeichen unterscheidet sich jedoch grafisch deutlich von ihren lateinischen Pendants. In der N’ko-Schrift sollen sich Einflüsse aus verschiedenen afrikanischen Schriften wieder finden, wie z.B. aus der Geheimschrift des Geheimbundes  Komo der Bambara, aus altägyptischen Hieroglyphen und der Silbenschrift der Vai[6].

Von besonderem Interesse ist das Schriftzeichen  G, welches dem Doppelverschlusslaut gb  entspricht und – im Gegensatz auch zu den letzten Versionen des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) – mit nur einem einzigen Zeichen geschrieben wird, was eindeutig korrekter als die uns gewohnte phonetische Schreibweise ist[7]. Auch die Unterscheidung zwischen 2 verschiedenen mittleren Vorder- bzw. Hinterzungenvokalen verdient Respekt, da europäische Linguisten der gleichen Epoche diese Unterscheidung häufig unterließen.

Besonders Interessant ist, dass N’ko auch Tonhöhenunterschiede wiedergeben kann. Dies war 1949 in den frankophonen Gebieten Afrikas eine absolute Innovation, während sie in den anglophonen Gebieten verschiedentlich verwendet wurde. Wie auch im IPA wird im N’ko die Tonmarkierung über dem Zeichen notiert, allerdings durch ein einziges diakritisches Zeichen, welches gleichzeitig Vokallänge wie Tonverlauf bezeichnet. Da das Maninka, dessen Lautstruktur dem N’ko zugrunde liegt, insgesamt vier verschiedene Tonverläufe und zwei verschiedene Vokallängen aufweist, ergeben sich somit insgesamt 8 verschiedene kombinierte diakritische Zeichen: So entspricht %X dem Lautwert  Ë´  (offenes, hochtoniges und kurzes e), während  ~X  dem Lautwert  Ë´: entspricht. Auch die Nasalierung eines Vokals wird durch ein diakritisches Zeichen, nämlich durch einen Punkt unter den betreffenden Vokal, notiert. 

Von der lateinischen Schrift unterscheidet sich N’ko (wie das Arabische) durch die Schreibung von rechts nach links, wobei die verschiedenen Zeichen auf einer Leiste aufgetragen werden. Dementsprechend wird das Maninkawort  kó  ‚Angelegenheit, Problem’  als  OK  notiert.

N’ko war zuallererst dazu bestimmt, die Muttersprache des Entwicklers, das Maninka, optimal abbilden zu können. Dieser Versuch ist sehr gut gelungen, was nicht nur für die damalige Zeit eine bemerkenswerte Leistung darstellt.

N’ko enthält auch stenotypische Elemente. So ist das Maninka von Oberguinea (im Gegensatz zu anderen Mandenkan-Varianten wie dem Bambara Malis) durch eine starke Tendenz zum Homovokalismus geprägt. Die N’ko-Schrift vermeidet daher die Schreibung des ersten Vokals eines mehrsilbigen Wortes, wenn der Vokal der 2. Silbe dem Vokal der 1. Silbe entspricht und darüber hinaus die Konsonanten beider Silben ungleich sind. Ein Wort wie tara ‚Hitze’ würde dementsprechend  tra  geschrieben werden, nämlich  ART.

Zusätzlich schuf Kanté noch eine Reihe von Sonderzeichen, die N’ko auch zur Niederschreibung anderer afrikanischer Sprachen (und auch der außerafrikanischen) geeignet machen sollten. N’ko sollte nach dem Anspruch des Entwicklers das bevorzugte Medium afrikanischer Völker der Region zur schriftlichen Fixierung ihrer Traditionen werden.

Kanté entschied sich nach der Überlieferung für die Schreibrichtung von rechts nach links, weil diese von der Mehrheit der Versuchspersonen (je nach Erzählung 10 oder 20 Personen) als natürlicher als die Schreibung von links nach rechts empfunden wurde. Wahrscheinlich war die dem Arabischen entsprechende Schreibrichtung auch als Ausgleich gedacht. Die Schriftzeichen des N’ko weisen eine größere Ähnlichkeit mit der lateinischen Schrift als mit der arabischen Schrift auf. Daher war die gewählte Schriftrichtung für Kanté notwendig, um seine Schrift als gleichermaßen unabhängig von Ost und West zu präsentieren[8].

Atmosphärisch lag 1949 knapp vor der Gründung der Bewegung der blockfreien Staaten auf der Konferenz von Bandung 1955, die Neutralität sowohl gegenüber dem Osten wie auch dem Westen deklarierte. Kantés Schrift wollte eine Äquidistanz sowohl gegenüber dem (weißen) Westen wie gegenüber dem (Nahen) Osten repräsentieren, ähnlich der politischen Neutralität, die einige Jahre später, 1955, auf der Konferenz von Bandung als Blockfreiheit deklariert wurde.

Gleichzeitig begann Kanté mit der Übertragung einer Vielzahl von Werken in die neugeschaffene Schrift. Ihm war früh bewusst, dass ein noch so gutes Schriftsystem ohne ausreichende Quellen in derselben erheblich an Nutzen für die Anwender verliert. Die Liste der von Kanté verfassten und übersetzten Werke beschreibt ein enorm engagiertes Lebenswerk[9]:

 

  • 9 Lehrbücher, 1 Wörterbuch (32.500 Einträge), 14 Lesebücher zum N’ko;
  • 46 Werke zur Mande- und afrikanischen Geschichte;
  • 27 Literaturbücher (Geschichten, Fabeln usw.)
  • 25 Bücher über verschiedene Wissenschaften (Anatomie, Botanik u.v.a.)
  • 10 Bücher über Mathematik;
  • 4 Bücher über Philosophie;
  • 38 theologische Bücher;
  • Bücher über afrikanische Heilkunst

Kanté verfolgt mit seinem Werk folgende Ziele:

  • der Welt und besonders auch dem eigenen Volk sollte die Gleichwertigkeit der Maninka-Kultur und damit der afrikanischen Kulturen demonstriert werden;
  • nützliches Wissen aus allen Bereichen sollte nicht über externe Zugänge elitarisiert bleiben, sondern über das geschriebene Maninka demokratisiert und indigenisiert werden (wie der Zugang zum Koran, zu westlichem Wissen usw.);
  • die Mande-Kultur sollte von fremden Einflüssen weitgehend gereinigt werden: Kanté plädierte zu einem Zurück zu den Wurzeln sowohl im sprachlichen wie auch im sozialen Bereich;
  • lokales Wissen sollte über Verschriftlichung bewahrt werden.

Die Schaffung der N’ko-Schrift war für viele Maninka der Beweis der Gleichwertigkeit ihrer Kultur mit der des Westens und der Araber. Die weiteren drei Ziele versuchte Kanté über die oben angeführten Publikationen zu erreichen.

Er übersetzte die wichtigsten Bücher des Islams ins Maninka und gab damit einfachen Menschen die Möglichkeit, über ihre Muttersprache Zugang zu den religiösen Quellen zu finden; er übersetzte wichtige Werke der westlichen Wissenschaft und Philosophie wie z.B. Rousseaus Deklaration der Menschenrechte, das Periodensystem der Elemente von Mendelejew, Werke über (damals moderne) Ökonomie usw. Kanté wusste, dass Alphabetisierung ohne verfügbare nützliche schriftliche Quellen nur von kurzfristigem Nutzen ist. Daher versuchte er Werke zu übersetzen, welche die Gesellschaft von innen heraus dynamisieren und Menschen Hilfeleistungen bieten konnten.

Die Reinigung von fremden Einflüssen erfolgte sprachwissenschaftlich durch die Schaffung eines umfangreichen Lexikons, eigentlich einer Enzyklopädie, von 536 Seiten mit 32.500 Einträgen[10]. In diesem wurden Tausende vorwiegend frankophoner, aber auch arabischer Lehnwörter großteils durch Neologismen, also Wortschöpfungen, ersetzt. Souleymane Kanté wollte damit beweisen, dass das Maninka genauso schöpferisch wie andere Sprachen sein kann. Leider kann aufgrund der schlechten Dokumentationslage heute vielfach nicht mehr festgestellt werden, ob Souleymane Kanté bei den Maninka-Äquivalenten auf bereits vorhandene Wortschöpfungen zurückgriff oder neue erfand.

Durch die schriftliche Fixierung übermittelter Traditionen, mitunter auch durch deren Modifizierung versuchte Kanté zu zeigen, dass die Kultur der Maninka oft Vorreiter in verschiedenen Bereichen war. So sah er die Kurukan Fuga[11] des 13. Jahrhunderts lange vor Rousseaus Wirken als die erste Menschenrechtscharta an. Der entlehnte arabische Kalender wurde durch den Gregorianischen Kalender ersetzt, der als altafrikanisch gedeutet wurde.

Die Bewahrung der Tradition erfolgte durch die schriftliche Fixierung der großen Geschichten und Legenden der Maninka-Kultur, wobei diese teilweise modifiziert wurden. So wurde von Kanté die Schichtung der Maninka-Gesellschaft modifiziert und die Schmiede-Kaste der Kantés (zu denen er selbst zählte), zu den besser angesehenen Marabouts gestellt (s.a. Amselle 2001:149ff). Große Persönlichkeiten der Mande-Geschichte wie Sumanguru Kanté oder Sunjata Keita, die im 13. Jh. um die Macht des neuen Reiches Mali kämpften, wurden für Anspielungen auf die aktuelle Politik verwendet und modifiziert. So wurde Sumanguru in Kantés Darstellung als brutaler Herrscher gezeigt, der versucht, seine hochgesteckten Ziele mit starker Gewaltausübung durchzupeitschen, während Sunjata Keita als weiser Herrscher, der auf der Machtbasis der Vernunft und Überzeugung agiert, dargestellt wurde. Im von Kanté gezeigten Kontrast Sumanguru/Sunjata sind wahrscheinlich kritische Anspielungen auf Sekou Touré impliziert[12].

Die Bewahrung erfolgte auch durch die Verschriftlichung einer Vielzahl traditioneller Medikamente der Mande-Kultur. Jahrelang reiste Kanté in verschiedenen Ländern Westafrikas herum, um Heiler um die Bekanntgabe der Herstellung ihrer Medizinen zu bitten. Oft hatte er Erfolg, weil die Heiler die damals noch kaum bekannte N’ko-Schrift als Geheimschrift betrachteten. Kante zeichnete insgesamt 2874 Heilpflanzen zur Behandlung von 317 tropischen Krankheiten auf. Kante quantifizierte und kategorisierte die traditionellen Heilmittel und trug viel zur besseren Diagnose der Krankheiten bei, die mit diesen Medikamenten behandelt werden können. Als Konsequenz wurde N’ko zum Synonym für effiziente traditionelle Medizin (siehe dazu Wyrod 2003:76).

Kante war sich bewusst, dass sein Werk vor allem von Männern genutzt werden würde. Daher bemühte er sich, auch Frauen stärker anzusprechen. Dies geschah z.B. durch Werke über Schwangerschaft und Säugen (siehe Wyrod 2003:93). Da er N’ko auch für andere Völker interessant machen wollte, schrieb er die Geschichte verschiedener Völker in N’ko, wie z.B. der Fulbe von Macina.

Die Verbreitung von N’ko

Wiewohl sein Werk in der Endphase der Entkolonialisierung auf großes Interesse stieß, wurden ihm auch zahlreiche Barrieren in den Weg gelegt. Nicht jeder war glücklich über das neue Angebot. Die Demokratisierung des Wissens – inklusive des heiligen Wissens um den Koran – durch die Verschriftlichung ins Maninka war gleichzeitig eine direkte Bedrohung der Machtposition und der ökonomischen Interessen privilegierter Schichten, die sich über ihren monopolartigen Zugang über das Arabische als alleinige Vermittler zum Islam positioniert hatten, wie die Ulemas von Kankan. Auch die Franzosen hatten keinerlei Interesse am Erscheinen von Publikationen in der N’ko-Schrift. Dennoch verbreitete sich N’ko von der Côte-d’Ivoire nach Oberguinea (s.a. Wyrod 2003:48ff). Kante schrieb die Texte mit der Hand, die dann mühsam manuell kopiert wurden.

Die Unabhängigkeit Guineas brachte vorerst keine großen Änderungen. Zwar scheint Kanté den Gründervater Guineas, Sekou Touré, bei seiner Entscheidung zur Einführung von 8 afrikanischen Sprachen als National- und Unterrichtssprachen beeinflusst zu haben, doch wurde zum Leidwesen Kantés N’ko nicht als Nationalschrift Guineas eingeführt. Nach einzelnen Berichten war Touré offen für die Verwendung von N’ko, während andere Mitglieder des Politbüros sich gegen die landesweite Einführung von N’ko aussprachen (Oyler 2001:598). Die Gründe: Die allzu starke Assoziierung von N’ko mit der Maninka-Kultur. So hatte Souleymane Kanté sein Schriftsystem auch deshalb N’ko genannt, weil diese Redewendung in allen Mandenkan-Varianten (Bambara, Mandinka, Dioula etc.) konstant bleibt und stets ‚ich sag(t)e, dass …’ bedeutet[13].  Daher ist N’ko namentlich eine Ansprache an die Mande-Völker und reanimiert Mande-Nationalismus bei gleichzeitigem begrifflichen Ausschluss von Nicht-Mande-Völkern.

Die spezifische Anpassung der N’ko-Schrift an die Sprache Maninka macht N’ko etwas weniger geeignet für die Notation anderer Sprachen[14].

Da darüber hinaus sowohl Touré wie auch Kanté zum Volk der Maninka gehörten, wurde befürchtet, dass die landesweite Einführung von N’ko als Schriftsprache von anderen Völker als Assimilierungspolitik interpretiert werden würde, mit der möglichen Folge ethnischer Konflikte.

Kanté wirkte somit als vorerst geschätzter Berater der Alphabetisierungsbehörden Guineas und verfolgte privat parallel dazu seine privaten Initiativen zur Verbreitung von N’ko weiter. Sekou Touré lässt ihn vorerst gewähren und unterstützt ihn sogar vereinzelt[15]. Kantés bevorzugten Bildungsorte waren die Märkte. Ihm halfen – meist unentgeltlich – Geschäftsleute und Arbeiter an deren Arbeitsplätzen. Die bevorzugten Methoden des Gruppenunterrichts ähnelten denen des Koran-Unterrichts: Memorisierung, Imitierung und Anwendung (siehe Oyler 2001:590ff). Auch Kantés Alphabetisierungsprojekte in N’ko geraten in Stocken, als das staatliche Alphabetisierungsprogramm zunehmend an Prestige und Glaubwürdigkeit verliert. Dieses wurde mit viel zu kargen Ressourcen ausgestattet. Allzu deutlich wurde ersichtlich, dass die Ideologisierung und Dogmatisierung des Landes über die Kampagnen erfolgte. Als auch durch die zunehmende Repression ein Großteil der Lehrer ins Ausland flüchtete, wurden Alphabetisierungskampagnen in einheimischen Sprachen allgemein mit geringer Qualität, Repression und Partei-Gehirnwäsche assoziiert. Von dieser allgemeinen Abwertung der Alphabetisierung war auch N’ko betroffen. Auch Kanté blieb von Tourés Verfolgungswahn nicht verschont. Die Spannungen stiegen, da Kanté auf seiner Eigenständigkeit beharrte. Mehrmals floh er ins Ausland, Autoren schreiben von einem Mordversuch an Kanté während eines von Touré finanzierten Spitalaufenthalts in Rumänien (siehe Oyler 2001:598).

Kanté blieb im Ausland und kehrt erst 1985 nach dem Tode Tourés zurück. Die neue Regierung von Lansana Conté beendet den Schulunterricht in 8 Nationalsprachen und führt Französisch wieder als primäre Unterrichtssprache ein. Die Regierung Contés ist um vieles weniger repressiv als die Tourés, dennoch ist die Verwaltung des Landes von zahlreichen Schwächen geprägt und kann die Erwartungen der Bevölkerung kaum erfüllen. Die Bevölkerung Oberguineas steht in einem Vakuum: nach einer Kolonialisierung, die als entwürdigend betrachtet wurde; nach dem formal extrem afrikanischen Programm Sekou Tourés, welches aber als kompletter Top-Down-Entwurf und sehr repressiv realisiert wurde und nach dem Versagen der ‚modernen’ Wirtschaftspolitik der Regierung Contés sind alle denkbaren Entwicklungswege diskreditiert – mit Ausnahme der Grass-Root-Bewegung N’ko …

N’ko entwickelt sich nun als eine Bewegung der von der Modernisierung Enttäuschten, der Analphabeten, der vernachlässigten Unterschicht. Diese unterrichten sich gegenseitig und bleiben dabei von den ideologischen Untertönen der Alphabetisierungskampagnen Tourés verschont. Es ist wie bei Touré eine fundamentalistische Richtung, aber diesmal von unten nach oben orientiert, wie von Kanté stets beabsichtigt. Dieser hatte zur Verbreitung des N’ko gewünscht, dass jeder in N’ko Alphabetisierte weitere 7 Personen in N’ko unterweisen sollte. N’ko entwickelt sich zum Volksgut und zu einem Symbol des Self-Empowerment.

Kanté selbst gründet 1987 kurz vor seinem Tod die Institution ICRA-N’KO[16], damit sein Lebenswerk auch nach seinem Ableben weitergeführt werden kann. Während Kante formalen N’ko-Schulen skeptisch gegenüber gestanden hatte, formalisieren seine Schüler nun den N’ko-Unterricht. Seit 1994 wurden von ICRA-N’KO und anderen NGOs an verschiedenen Orten N’ko-Schulen eingerichtet, einige wenige staatliche Schulen bieten als Unterrichtseinheit eine Einführung ins N’ko an. Zunehmend passt sich das Curriculum der N’ko-Schulen staatlichen Schulen an. Nun verbreitet sich N’ko schneller und auch in andere Zielgruppen. Wurden früher fast ausschließlich  Erwachsene initiiert, wurden es nun zunehmend auch Kinder (siehe dazu Wyrod 2003:85ff).

N’ko und die Alphabetisierungsbehörden

Eine afrikanische Schrift, die von einer privaten Initiative ohne staatliche Mittel wahrnehmbare Erfolge in der Alphabetisierung zeigt, müsste eigentlich von den staatlichen Alphabetisierungsbehörden begeistert aufgenommen werden. Diese stehen aber N’ko eher reserviert gegenüber. Warum? Sosehr von Sprachwissenschaftlern der Sprachenreichtum Afrikas gepriesen wird, so sehr ist dieser auch ein Fluch des Kontinents. 2000 Sprachen teilen sich diesen Kontinent und damit auch die kargen Mittel, die zur Herstellung von Publikationen und Schulungsmaterialien zur Verfügung stehen. Verschiedene afrikanische Länder – wie z.B. Äthiopien – wurden von UNESCO wegen durchgeführter Alphabetisierungskampagnen ausgezeichnet, bei welchen mehrere Millionen Menschen innerhalb weniger Monate alphabetisiert wurden. Doch was blieb davon? Eine erste Schreibkenntnis in einer afrikanischen Sprache, in der man wohl Briefchen mit Nachbarn austauschen kann, aber kaum Informationen und Hilfestellungen zu seinen eigentlichen existentiellen Problemen findet: in der Sprache der Alphabetisierung findet der Rinderzüchter keine Informationen über Rinderkrankheiten, der Bauer keine über Vor- und Nachteile verbesserter Getreidesorten, der Händler kaum Lehrinhalte über Betriebsführung, der Fischer kaum Quellen zur Abschätzung von Fischzügen und von Ressourcenmanagement. Vor zwei Jahrzehnten gelang es mir, innerhalb weniger Monate die Hälfte der männlichen Bevölkerung eines kleinen Dorfs in Mali im Schneeballsystem zu alphabetisieren. „à be ikomi yeelen donna n na“ ‚Es ist, wie wenn Licht in mich hineingeströmt wäre!“ sagte – Ausdruck ungeheurer Hoffnungen – daraufhin ein alphabetisierter und glücklicher Bauer. Nach 7 Jahren wieder ins Dorf zurückgekehrt, waren kaum noch Spuren der Alphabetisierung zu bemerken. Zu kärglich waren die Quellen, die zur persönlichen Weiterbildung in der Sprache Bambara vorlagen[17], als dass durch kontinuierliche kleine Erfolgserlebnisse die Alphabetisierung gefruchtet und weitergegeben worden wäre. Es lohnt sich, hier zum Vergleich in den Fernen Osten zu blicken: Die meist von einer einzigen großen Sprache dominierten Länder[18] können zumeist auch die Sprache ihrer absolut dominierenden Bevölkerungsmehrheit als Nationalsprache verwenden. Wer in dieser alphabetisiert wird, findet– sofern er die Mittel zur Verfügung hat – Zugang zu Tausenden und teilweise Hunderttausenden von Dokumenten, denen er sich nun autonom und ohne weitere fremde Hilfe annähern kann. Da bleibt Alphabetisierung produktiv und funktional und daher auch lebendig. In Afrika müssten hingegen die Menschen, um Zugang zur gleichen Anzahl von Dokumenten zu erhalten, eine zweite Alphabetisierung in der ehemaligen Kolonialsprache bewältigen, was Alphabetisierungskampagnen in Afrika sehr oft nur auf dem Papier erfolgreich macht[19]. Die Einführung der Schrift N’ko würde eine weitere Barriere einziehen. Wer heute in Bambara alphabetisiert wird, lernt damit immerhin die lateinische Schrift. Lernt er dazu noch Französisch, hat er Zugang zu einer Vielzahl von Schriftstücken. Wird er in N’ko alphabetisiert, müsste er zusätzlich die lateinische Schrift lernen, um auf dieser aufbauend Französisch oder Englisch zu erlernen. N’ko entfernt ihn somit noch weiter vom Materialzugang zur Lösungssuche. Ohne Ausnahme würden diese Überlegungen von allen Alphabetisierungsexperten Guineas und Malis, mit denen ich diskutierte, geteilt. Ein hoher Alphabetisierungsbeamter in Mali sagte mir in einer informellen Unterhaltung, dass er N’ko wohl beobachte, aber in keiner Weise fördere oder behindere. Sollte sich N’ko trotz der angesprochenen Probleme durchsetzen, dann würden auch die Alphabetisierungsbehörden N’ko in ihre Kampagnen einbinden. Aber nicht vorher …

2002 beschloss Guinea eine wesentliche Reform seines Schulprogramms hin zur so genannten Konvergenten Pädagogik. Die Einschulung wird über zwei Jahre in den wichtigen Nationalsprachen Guineas erfolgen, bevor schrittweise auf Französisch übergegangen wird. Dies lehnt sich an erfolgreiche Experimente in Mali an. Während dies mit Kantés Bestrebungen weitgehend übereinstimmt, wird die Einschulung in lokalen Sprachen jedoch aus den zitierten Gründen in lateinischer Schrift erfolgen (s. Wyrod 2003:111).

Heutige Präsenz und Funktionen von N’ko in Oberguinea

Spuren von N’ko sind bei einer Reise nach Oberguinea leicht zu finden. Bei einem Spaziergang durch Kankan stößt man immer wieder auf N’ko-Schulen, in welchen jährlich etwa 1000 Kinder N’ko lernen[20]. Die Popularität von N’ko beweist auch, dass die Eltern der Schüler bereit sind, für ihre Verhältnisse teures Schulgeld dafür zu bezahlen, nämlich etwa 15000 FG (Franc Guinéen) im Jahr[21]. Daneben existiert der klassische Einzelunterricht, der oft an Fernreisende gegeben wird, für welche Kankan fast das Mekka des N’ko darstellt[22]. Die Bücherei des Islamischen Zentrums Kankans weist drei verschiedene Sektionen auf: eine für religiöse Werke in arabischer, eine für Werke in französischer Sprache und eine für Werke in N’ko-Schrift. Am Freitagabend führen im Radio Rurale eigene Sendungen in die Terminologie des N’ko und Inhalte und Ziele der N’ko-Bewegung ein. An verschiedenen Straßenecken begegnet man einfachen Buchhandlungen, in denen einzelne N’ko-Publikationen aufliegen. Kankan weist drei N’ko-Apotheken auf, in welchen Medikamente und Türschilder in N’ko beschriftet sind. Doch wie tief haben die Aktivitäten Kantés wirklich die Gesellschaft Oberguineas verändert, wie tief ist N’ko eingedrungen?

  1. Die Anwendung der N’ko-Schrift

Statistiken zur Anwendung von N’ko sind nicht einfach zu finden. 1994 führte Canvassers eine Haushaltsbefragung in Kankan bezüglich der mündlich wie schriftlich verwendeten Sprachen durch. Danach beherrschten 8,8% der Bevölkerung N’ko[23]. Mein und andere N’ko-Lehrer nannten einen Prozentsatz von etwa 10% Initiierten. Dies ist durchaus denkbar. Im Februar/März 2004 befragte ich – statistisch nicht repräsentativ – 151 Personen, von denen 14, also 9,3% angaben, N’ko schreiben zu können. Da ich in einem eher konservativen Maninka-Gehöft eines traditionellen Stadtteils von Kankan lebte, begegnete ich zweifellos weit überproportional Menschen, die sich aus ethnischen Gründen der Idee von N’ko besonders verbunden fühlten. Bei Gesprächen mit Nicht-Maninka stellte ich hingegen öfters eine deutliche Reserviertheit gegenüber N’ko fest. Da ich mich in der Stadt meist auch gemeinsam mit meinem N’ko-Lehrer bewegte, erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, N’ko-Initiierten zu begegnen, zusätzlich.

Es ist daher eher anzunehmen, dass der Anteil der in N’ko-Initiierten an der Bevölkerung Kankans etwas unter 10% liegt. Noch weniger ist über die weltweiten Anwenderzahlen von N’ko bekannt. Der Neffe von Souleymane Kanté, wie dieser ein großer Lehrer auf den Märkten Kankans, nannte mir gegenüber die Zahl von weltweit 5 Millionen N’ko-Initierten. Nirgendwo waren jedoch Statistiken zur Stützung dieser Annahme aufzutreiben. Es ist anzunehmen, dass die tatsächliche Anwenderzahl um ein Mehrfaches darunter liegt. Die Informationen sind dabei oft sehr gegensätzlich[24]. Eine Reihe von Internet-Sites ist N’ko gewidmet[25].

  1. Die Veränderung des Straßen-Maninkas durch das N’ko

Um herauszufinden, inwieweit das sehr spezifische N’ko-Vokabular in das Straßen-Maninka Einlaß fand, wählte ich in einer kleinen Untersuchung 15 von Souleymane Kanté geschaffene Wörter aus, die ich an insgesamt 100 Maninka-Sprechern Kankans abtestete. Die Lexeme entstammen den Einführungs-Lehrmaterialien zum N’ko, weshalb anzunehmen war, dass diese Wörter besonders häufig übernommen werden würden. Diese 15 Neologismen waren aus keiner anderen Mandenkan-Variante bekannt und demzufolge wahrscheinliche Eigenentwicklungen des N’ko, wie jibudu ‚robinet‘ oder gbËbulu ‚Geldschein‘. Hingegen wurden Lexeme wie sannakulun ‚Flugzeug’, wegen ähnlicher Bildung im Bambara nicht in die Liste aufgenommen. Die Ergebnisse waren etwas enttäuschend. Nur 2 der 15 Wörter, wie z.B. jibudu, waren zwischen 30-40% der Sprecher bekannt. Die meisten, wie z.B. das Wort meleke für Zigarette, waren weniger als 10% der Befragten bekannt. Diese kurzen Untersuchungen bestätigten die Aussage einer Maninka-Lehrerin an der Universität Kankan, dass die ‚richtigen’ N’ko-Sprecher, die auch das Vokabular Kantés beherrschten, von den anderen Maninka teilweise kaum verstanden würden. Auch sie könne sie nur schwer verstehen. Das von Kanté eingeführte Vokabular ist also größtenteils Insiderwissen geblieben.

  1. Die N’ko-Medizin:

Die N’ko-Apotheken mit ihren N’ko-Ärzten erfreuen sich offensichtlich einer guten Akzeptanz, wie ich während meiner Interviews mit Besitzern von N’ko-Pharmazien des Öfteren erleben konnte[26]. Der Erfolg ist nicht überraschend. N’ko betont vor allem die Gleichwertigkeit afrikanischer Leistungen. Wo diese Leistungen auch Hilfe für die Realität bieten, wie z.B. im Falle billigerer und optisch besser vermarkteter einheimischer Medikamente, werden sie auch von einer breiten Bevölkerung wahrgenommen.

  1. Das Auseinanderklaffen von Anwendung und Prestige von N’ko

Maximal 10% der Bewohner Kankans sind somit in N’ko initiiert. N’ko betrifft jedoch einen wesentlich höheren Prozentsatz, als seiner Anwenderzahl entspricht. Fast jeder meiner Gesprächspartner in Oberguinea hatte von N’ko gehört, fast jeder kannte den Namen des Gründers, Souleymane Kanté. N’ko ist in Oberguinea ein Begriff. Das persönliche Interesse und die eigene Bereitschaft, N’ko zu erlernen, klaffen jedoch deutlich auseinander. Wenn ich Personen, die N’ko lobten und Souleymane Kanté priesen, persönlich fragte, ob sie selbst N’ko beherrschten, wurde fast durchgehend verneint. „Leider nein!“ Selbst die Maninka-Professorin  der Universität Kankan verneinte diese Frage. Auch nicht der Bankdirektor oder ein anderes Mitglied seiner Familie, bei der ich eingeladen war, obwohl er begeistert über N’ko sprach. Warum man selbst nicht N’ko gelernt habe? „.. leider keine Zeit“, „N’ko-Publikationen leider zu sehr auf Religion fixiert’ usw.  waren gängige Antworten. Gewiss trifft man bei vielen Buch- und Zeitungsverkäufern in den Straßen Oberguineas das eine oder andere in N’ko geschriebene Werk, aber diese sind meist alt, abgegriffen und in sehr schlechtem Zustand, was weder für eine lebendige N’ko-Publikations- noch Kaufkultur spricht. Die Werke, die man vorfindet, widerspiegeln nur bedingt die Schriftenvielfalt, die Souleymane Kanté anstrebte, und sind vorwiegend auf die Bereiche Religion, Erlernung der Schrift und einige einfache Informationsmaterialien konzentriert. Hingegen winken die Händler ab, wenn man sie danach fragt, wo man die berühmten Werke Kantés über Medizin und Pflanzenkunde erhalten könnte. Amselle sieht in N’ko-Medizin und -Pflanzenkunde einen besonders lukrativen Bereich, über den die Familienmitglieder Kantés ein Monopol errichteten. Daher würden sich dieselben nach Ansicht von Amselle gegen eine Neuauflage der medizinischen und pharmazeutischen Werke Kantés stellen, um ihr Monopol zu erhalten[27].

Die Funktion von N’ko geht weit über das Schriftsystem hinaus, tatsächlich scheint seine gegenwärtige Bedeutung jenseits orthographischer Gesichtspunkte zu liegen. Sie liegt vielmehr in der Identitätsstiftung und in der Stabilisierung eines positiven Selbstverständnisses. N’ko bewies den Menschen der Region die intellektuelle Gleichwertigkeit der Afrikaner. Manche Assoziationen mit N’ko weisen sogar in die Richtung einer (semi-religiösen) Verkündigung[28]:

  • Die überirdische Eingebung: Bereits vor der Geburt soll Kantés Vater immer wieder von einem außergewöhnlichen Sohne geträumt haben[29]; kurz vor der Schaffung der N’ko-Schrift soll Kanté meditiert haben[30]; man spricht vom Auftrag Gottes an Kanté, die Schrift zu erstellen[31] von einer göttlichen Inspiration[32];
  • Die Einzigartigkeit: Nicht nur mein N’ko-Lehrer war von der absoluten Überlegenheit der N’ko-Schrift überzeugt, dass sie die einzige Schrift sei, die wirklich alle Sprachen dieser Welt – und ganz besonders die afrikanischen – niederschreiben könne;
  • Die Abwertung des Profanen: Sie zeigte sich z.B. in der Aussage des Polizisten über N’ko: „Das ist das wahre Maninka, nicht das, was auf der Straße gesprochen wird!“[33];
  • Das nonverbale Verhalten der Anwender und die Verklärung des Verkünders: Nicht nur mein N’ko-Lehrer hob mitunter die Blicke gegen den Himmel, wenn er von Kanté sprach;
  • Die Schaffung von „Reliquien“: Amselle berichtet (Amselle 2001: 140), dass eine Doktorarbeit in englischer Sprache über N’ko in der N’ko-Vereinigung von Kairo wie eine Reliquie in einem versperrten Schrein verwahrt wird und dass der Sohn von Souleymane Kanté um Erlaubnis gefragt werden musste, damit er sie lesen durfte.
  • Die periodische Feier des Anfangs: Der Geburtstag von N’ko, der 14. April, ist Zeitpunkt des jährlichen Treffens der N’ko-Gemeinde in Guinea;
  • Das Interesse am Verkünder: Sowohl mein N’ko-Lehrer wie auch einige andere Bekannte hatten den Geburtsort Kantés besucht. Nicht wenige meiner Gesprächspartner in Kankan kannten nicht nur den Geburtsort Kantés, sondern auch die Namen seiner Eltern.

 

Wie das Christentum – und sei es nur in erinnerter Form – ein aufgrund seiner geschichtlichen Rolle prägendes und einprägsames Element europäischer Identitäten darstellt, so spielt das N´ko für viele Maninka eine analoge Rolle der Versicherung der eigenen Identität und der eigenen Bedeutung. Die N’ko-Kultur, als sprachlich und kulturell emanzipatorische Bewegung geschaffen, ist gegenwärtig noch stärker als ehedem eine gesellschaftlich-religiöse Bewegung – wie Amselle bemerkt[34] – und weist viele Merkmale einer identitätsstiftenden und nicht immer gelebten Verkündigung auf.

 

Literatur

Ag Muphtah, Elmehdi. 2003. L’alphabetisation en milieu urbain au Mali: offre de formation et besoins des populations. Thèse d’état. Université de Lille.

Amselle, Jean-Loup. 2001. Branchements. Anthropologie de l’universalité des cultures. Flammarion.

Kanté, Souleymane. 1961. Méthode pratique d’écriture n’ko. Kankan.

Kwofie, Emmanuel N. 1979. The Acquisition and Use of French as a Second Language in Africa. Grossen-Linden: Hoffmann-Verlag.

Oyler, Dianne White. 2001. A Cultural Revolution in West Africa: Literacy in the Republic of Guinea since Independence. In: International Journal of African History 34, 3: 585-600. Boston: Boston University Press.

Oyler, Dianne White. 2002. Re-inventing Oral Tradition: the modern epic of Souleymane Kante. In: Research in African Literatures 1: 33:75-93.

Projekt Arto. (n.d.) La charte de Kouroukan Fouga. http://www.africa-orale.org/archives/fichier.phtml?numero=126.

Vydrine, Valentin. 1996. Sur le „Dictionnaire Nko“. In: Mandenkan 31:59-75.

Wyrod, Christopher Timothy. 2003. The Light on the Horizon: N’ko Literacy and formal Schooling in Guinea.  Thesis. George-Washington University.

[1] Der Begriff Schriftsystem  wird hier gegenüber dem Begriff Schrift bevorzugt, da der Gedanke und die Funktionen von N’ko weit über die bloße Anwendung anderer Zeichen für gleiche Laute hinausgeht. Daher wird hier der größere Komplexität wiedergebende Begriff Schriftsystem gewählt.

[2] „Politically, assimilation meant the centralization of French rule from Paris, the use of French as the language of administration and the prohibition of the use of African languages in national life.” (Kwofie 1979:12)

[3] Offensichtlich irritiert durch die für ihn ungewohnten Tonsprachen in Afrika….

[4] Amselle (2001:54): „La présence de nombreux éléments musulmans dans les mythes d’origines dogon et bambara […]  montre que les membres de ces sociétés ont integré la vision arabo-musulmane du monde à leur univers et qu’ils ont donc du même coup accepté de se definir par rapport à cette civilisation »

[5] Das Internationale Phonetische Alphabet (IPA), entwickelt von der International Phonetic Association, ermöglicht seit 1886 mit einem großen Bestand an Buchstaben und diakritischen Zeichen die präzise Notierung von Sprachen aller Familien.

[6] Diese wurde vom Mystiker Dualu Bukele um 1820 in Liberia entwickelt. Ein oberflächlicher Vergleich zeigte keinerlei Zeichenähnlichkeiten zwischen Vai und N’ko.

[7] Bei der Bildung von gb  wird gleichzeitig ein bilabialer Verschluss sowie eine velare Verengung gebildet. Daher handelt es sich nicht um zwei verschiedene und aufeinander folgende Laute, wie es die IPA-Schreibweise suggeriert.  

[8] « Le n’ko, comme l’arabe, s’écrit de droite à gauche, mais comme le latin, il s’écrit avec deux sortes de lettres, les voyelles et les consonnes, et c’est ainsi qu’il est indépendant car il n’est ni occidental, ni oriental. Il se base donc sur une neutralité positive » (Kanté 1961 :3)

[9] Angaben der Organisation ICRA N’ko, zitiert in Amselle 2001:162

[10] Vydrine zeigte, dass durch die Vielzahl abgeleiteter Formen, welche als Wortstämme Eingang in die Enzyklopädie finden, die tatsächliche Anzahl der Einträge wesentlich geringer ist. Dennoch bezeichnet er das Lexikon als in seinem Umfang einzigartig (Vydrine 1996:60ff)

[11] 1236 versammelten sich nach der Schlacht von Kirina die Vertreter der siegreichen Mande-Clans beim Ort Kurukan Fuga bei Kangaba in Mali, um in 44 Paragraphen eine Art Verhaltenskodex  und Regelwesen für das entstehende Reich Mali zu beschließen. Z.B. Paragraph 20: Misshandle nicht die Sklaven und gib ihnen einen Tag/Woche zur Erholung….

[12] Kanté sieht in Sunjata sogar den Erfinder der Demokratie. In seiner Überlieferung des Konflikts zwischen Sumanguru und Sunjata lässt er Sumanguru im Widerspruch zu anderen Historikern die Sklaverei aufheben, zeigt aber gleichzeitig, wie Sumanguru nun sein gesamtes Volk unterjocht. Dies kann als eine Parallele zum Vater der Unabhängigkeit Guineas, Sekou Touré, gelesen werden, welcher anschließend zu einem der brutalsten und autoritärsten Staatschefs Afrikas wurde (s. Amselle 2001:192ff).

[13] Der legendäre König Sunjata Keita soll sich 1236 mit folgenden Worten an seine Untertanen des Königreichs von Mali gewandt haben: „Ich spreche zu allen Männern, Frauen und Kindern von Mande, und zu all meinen Brüdern, die N’ko sagen“ (zitiert in Wyrod 2003:50).

[14] So ist die stenographisch bedingte Nichtschreibung des Vokals der ersten Wortsilbe bei mehrsilbigen Wörtern wohl fürs Maninka geeignet (weil dieses eine sehr starke Tendenz zu gleichen Vokalen aufweist), kann in anderen Sprachgruppen jedoch Unterschiede zwischen Wörtern der Struktur  KVKV/KKV  neutralisieren. Auch die Kombination von Tonmuster mit Tonlänge führt bei der Übernahme auf tonal hochkomplexe Sprachen zu Komplikationen. Eine Sprache mit 7 verschiedenen Tonemen wie das Dan/Yaouré würde bereits 14 verschiedene diakritische Zeichen erfordern. Auch die tonetische und nicht tonologische Notation (die Töne werden nicht nach ihrem Grundmuster, sondern nach ihrer Realisierung vor Pausen markiert) kompliziert eine derartige Übernahme.

[15] So erhielt er von Sekou Touré einen hohen Geldpreis für seine Aktivitäten (Oyler 2001:588).

[16] Association pour l’Impulsion et la Coordination des Recherches sur l’Alphabet N’Ko

[17] Dabei gibt es im Bambara noch deutlich mehr Materialien als in Sprachen mit wesentlich kleineren Sprecherzahlen.

[18] Während in Afrika die größte Volksgruppe im Durchschnitt (Median) einen Bevölkerungsanteil von 40% vertritt, sind es in den Ländern des Fernen Ostens im Schnitt 80%.

[19] Kanté war sich dieser Problematik wohl bewusst, was zu seinen zahlreichen Übersetzungen ins N’ko führte.

[20] Bei meinen Gesprächen in Kankan im Februar-März 2004 wurden mir von führenden N’ko-Lehrern in Kankan insgesamt 8 Lehrstätten mit zusammen 16 Klassen genannt und großteils auch gezeigt. Die größenmäßig wichtigste ist die N’ko-Schule Alasirafa Sanou mit 5 N’ko-Klassen à ca. 30 Schülern.

[21] Dies entspricht in etwa 6 €.

[22] In den Vereinigten Staaten wird N’ko an verschiedenen Universitäten und Departments of Black Studies unterrichtet. Siehe z.B. http://www.uiowa.edu/~linguist/faculty/culy/nko/

[23] Zitiert in Oyler 2001:593. Oyler weist darin auch auf eigene Untersuchungen im Jahr 2000 hin, deren Ergebnisse  bei Abfassung dieses Artikels jedoch noch nicht publiziert waren.

[24] Während mir die Sekretärin eines großen Frauenverbandes in Mali berichtet, dass viele Frauen N’ko beherrschen würden, sagte mir der Linguist Thomas Blecke, der seit 8 Jahren in Mali Alphabetisierungsprojekte in der Bozo-Sprache verfolgte, dass er schon oft von N’ko  gehört habe, noch niemals aber persönlich die N’ko-Schrift gesehen habe.

[25] Eine sehr gute Informations- und Vernetzungsseite zu N’ko ist z.B. http://www.fakoli.net/

[26] Auch daran ersichtlich, dass sie ein lukratives Betätigungsfeld für die Söhne Kantés darstellen (s. Amselle 2001:136)

[27] „La production de médicaments de type moderne à partir de plantes africaines, dont on a vu que les docteurs du N’ko s’étaient fait une spécialité, attirait en effet une foule nombreuse et procurait sans doute aux fils de Souleymane Kanté une source de revenus appréciable. Afin de préserver leur monopole, il s’opposaient […] à la réédition des livres de leur père, freinant ainsi l’essor de la médicine et de la pharmacopée n’ko. “  (Amselle 2001 :136).

[28] Amselle (2001:77ff) meint, dass die Entwicklung von Schriftsprachen in Afrika oft mit der Gründung prophetischer Kirchen einherging.

[29] “ Before Souleymane was born, his father had a recurring dream that he would have an extraordinary son, whose reputation would spread far and wide.“ Aus N’ko-Homepage http://home.gwu.edu/~cwme/Nko/kante.htm

[30] “ One night, he meditated deeply for hours, concentrating on a precise phonetic script. Near dawn, he began scribbling letters on a piece of paper. It was April 14, 1949 and Souleymane Kanté had created the N’ko alphabet.“ N’ko-Homepage http://home.gwu.edu/~cwme/Nko/kante.htm

[31] “Quand ce jour est arrivée, Dieu a ordonné á Kanté pour notre écriture.” Textstück aus Souleymane Kanté-Epos. http://www.kanjamadi.com/oraltradition.html

[32] „Many members of his family, his friends, and his supporters believe Souleymane Kanté to have been divinely inspired. Some accept that Allah gave Kanté the power of intelligence and also the power to understand and effect change.  Others attribute a more direct intervention on the part of Allah who, they believe, placed Kanté in the right place at the right time and gave him the inspiration for the alphabet“ (Oyler 2002:80)

[33] .. obwohl der Polizist selbst zugab, N’ko nicht zu beherrschen

[34] Amselle (2001:10): « Le mouvement n’ko, tel qu’il a été conçu et promu par son inventeur, apparaît bien comme le mouvement religieux d’un peuple opprimé… »

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